taz
31.08.2001
Das weiße Europa will vom schwarzen Afrika längst nichts mehr wissen. Aber die gemeinsame Geschichte lässt sich nicht so einfach abschütteln.
Ich beginne mit einer Anekdote:
Als mein Sohn zusammen mit fünf weiteren Senegalesen von seiner Oberschule ausgewählt wurde, im Rahmen des Schulpartnerschaftsprogramms der Unesco am "Rencontre international de la fraternité" in Frankreich vom 12. bis 17. Juni 2001 teilzunehmen, war ich erstaunt festzustellen, mit welchem Eifer die französischen Konsulardienste bis zur letzten Minute versuchten, ihnen Visa zu verweigern. Trotz des offiziellen Einladungsschreibens des französischen Unesco-Komitees, trotz Telefonanrufen und Faxen der zuständigen französischen Behörden vervielfachte die französische Botschaft in Dakar ihre Schikanen, so dass die Delegation erst drei Tage nach Eröffnung der Veranstaltung eintraf, zwei Tage vor ihrem Schluss. Ist es akzeptabel, dass die erste Lehre Frankreichs an diese Kinder, die zu einem Treffen über Brüderlichkeit, in das Land der Brüderlichkeit geladen wurden, in Xenophobie, Intoleranz und Misstrauen besteht?
Wir wissen, daß Sie uns nicht in Ihrem Land wollen. Das ist eine Konstante in Paris seit über zwei Jahrzehnten. Nicht nur aus dem hassverzerrten Mund eines Le Pen, sondern vor allem im Lager der Rose, wenn der Sozialist Michel Rocard erklärt: "Frankreich kann nicht das Elend der Welt aufnehmen" und vergisst, dass dieses gleiche Frankreich nach dem Zweiten Weltkrieg fast dreißig Jahre lang karawanenweise Arbeitskräfte aus all seinen Besitztümern hereinholte, von den Berbern der Kabylei bis zu den Bamileke Kameruns, um seine Fabriken zu bauen, seine Straßen, seine Sozialwohnungen, seine Reichtümer, die es sich heute zu teilen weigert. Jetzt wachsen an den Grenzen Mauern, Migrantenheime werden geräumt, in Charterflügen sitzen gefesselte Neger wie zu Zeiten der Sklaverei, Reisende werden in Konsulaten und Flughäfen erniedrigt und misshandelt.
Während Sie die Tore ihres Landes schließen, igelt sich die französische Gemeinschaft in Senegal ein und findet zu den Mechanismen von Rudelbildung zurück, die die Kolonialgesellschaft prägten. Wenn es auch in Dakar keine "europäische Stadt" mehr gibt, wie man einst die von Weißen bewohnten Viertel nannte, haben Sie doch Ihre Ferienanlagen, Ihre Sonderbusse und Kliniken. Und Ihre Schulen, für Senegalesen praktisch unzugänglich, während die beiden frankosenegalesischen Schulen von Dakar, wo der kleine Mamadou die Geschichte von Karl dem Großen lernte und die kleine Stéphanie Erdnussanbau paukte, als Sparmaßnahme geschlossen werden, die letzten Orte, an denen man noch weiße und schwarze Kinder zusammen spielen sah. Im Süden unseres Kontinents hieß dies "getrennte Entwicklung", weltweit bekannt als Apartheid.
Wer will auf den Spuren der Buren wandeln? Was wäre Frankreich ohne uns? Uns, also Senegal im Besonderen, Afrika im Allgemeinen und alle Länder im Universalen, von den Fischbänken Neufundlands bis zum Mururoa-Atoll, all die Orte, die irgendwann Frankreich ermöglichten, sein Imperium zu begründen. Haben wir nicht genug gezahlt? Frankreich hat zusammen mit Portugiesen und Holländern unseren Kontinent ausgeplündert, über 300 Jahre lang millionenweise unsere Frauen und Männer in der Blüte ihres Lebens auf die Zuckerfelder der Antillen, die Baumwollplantagen von Virginia, die Kaffeeplantagen von São Paulo und die Goldminen von Belo Horizonte gebracht. Wer das Amerika von heute mit seinen Spitzensportlern betrachtet, sieht, daß die besten Elemente unseres Kontinents gestohlen wurden. Welches Volk kann sich von einer solchen Ausblutung erholen?
Neben dem Sklavenhandel haben Sie all Ihre Energie in die Eroberung neuer Räume gelegt und Kolonien gegründet. Der Legende zufolge war es zu Weihnachten 1364, dass die Seeleute von Dieppe zum ersten Mal in unserer Bucht von Rio Fresco, heute Rufisque, Anker warfen. Dann kamen die Normannen, Basken und Bretonen. 1659 wurde Fort St. Louis gegründet, 1672 die Senegal-Gesellschaft, die Handelsprivilegien bis hinunter zum Kap der Guten Hoffnung hatte und das Monopol auf den Sklavenhandel in die Antillen.
Also: Von wo kam vor der Abschaffung der Sklaverei am 27. April 1848 der Reichtum Frankreichs, wenn nicht aus dem Handel mit den "Ebenhölzern", die wie Wälder gerodet und in Schiffsbäuchen in eine Neue Welt gebracht wurden? Worauf begründeten Nantes, Bordeaux, Le Havre, La Rochelle, Rouen ihren Wohlstand, wenn nicht auf dem Blut der Neger? Wie viele Abenteurer und Habenichtse bauten an unseren Küsten Handelsimperien? Wie viele Seiten der Geschichtsbücher hat unser Land mit Frankreich gemeinsam geprägt, bis hin zur Erteilung des Stadtrechts an unsere Städte Saint Louis und Gorée nach der Revolution von 1848, die ihre Bewohner zu französischen Bürgern mit Wahlrecht machte?
Das alles ist lange her, nicht wahr. Wenn man heute von der Balkanisierung Afrikas spricht, von künstlichen Grenzen und ethnischen Kriegen, wieso vergisst man, daß dies die unmittelbare Folge der systematischen Aufteilung Afrikas zwischen den europäischen Mächten war, auf der Berliner Konferenz, die am 26. Februar 1885 "im Namen des Allmächtigen Gottes" eröffnet wurde, um "im Geiste der Verständigung die besten Bedingungen zur Entwicklung des Handels und der Zivilisation in gewissen Regionen Afrikas herzustellen"?
So habt ihr euch die blutigen Reste eines toten Giganten geteilt. Von Tunis nach Benin und von der Sahara bis an den Kongo waren wir daraufhin Franzosen. Weiter südlich und östlich waren wir Engländer. In Tripolitanien sollten wir Italiener sein, im Kongo Belgier, am Wendekreis des Steinbocks Portugiesen und an ein paar Ecken in der Mitte Deutsche. Welches Volk soll das überleben? Und weil, wie Ihr exzellenter Theoretiker Duc de Choiseul erkannte, "die von den verschiedenen europäischen Mächten gegründeten Kolonien alle zum Nutzen der Metropolen geschaffen" wurden, blühte eure Zivilisation dank der Ölpalmen von Senegal, des Goldes von Sudan, des Bauxits von Guinea, des Holzes von Gabun, des Eisens von Mauretanien, und dank der verrottenden Kadaver, die die Zwangsarbeit zu Tausenden säte. Seht ihr nicht, dass eure Größe der Grund ist für unsere Katastrophe? Oder denken Sie immer noch, dass es eine "zivilisatorische Mission" des Westens war? Schließlich haben einige Ihrer größten Theoretiker so argumentiert, etwa Graf Gobineau in seinem Aufsatz "Von der Ungleichheit der menschlichen Rassen", in dem er die Neger am unteren Ende der menschlichen Rangfolge ansiedelte. Was Sie allerdings nicht daran hinderte, uns in den düstersten Zeiten Ihrer Geschichte zu Hilfe zu holen. Wir wurden wieder in Schiffe gesteckt, um eure blutigen Konflikte zu lösen. Wir lagen mit euch in den Schützengräben an der Marne, wir standen an vorderster Front auf den Todesfeldern von Verdun. Und als viele Ihrer Mitbürger sich mit Vichy zufrieden gaben, sangen wir in unserem farbigen Savannenakzent "Franchie, nous woilà" und kamen wieder, bis zum Triumphbogen im befreiten Paris am 26. August 1944.
Kennen Sie Ihre Geschichte? Kennen Sie unsere gemeinsame Geschichte? Wie viel kostete das schwarze Blut auf weißer Erde? Wir wollen keinen Platz am Grab des Unbekannten Soldaten, auch kein Kriegerdenkmal. Wir folgten euch ja weiter, in die Folterkeller von Algerien und die Hölle von Dien Bien Phu, oder nach Madagaskar, wo man kleine Kinder bis heute nicht mit dem Wolf erschreckt, sondern mit "dem Senegalesen". Und als Sie überall verjagt waren, stellten Sie Ihre Truppen neu auf, in Dakar, Bangui, Ndjamena, Port Gentil, auf Dschibutis Felsen. In Afrika habt ihr den Dritten Weltkrieg gewonnen, den man den Kalten Krieg nennt, indem ihr den Appetit der Sowjets und ihrer bärtigen Hilfssoldaten zurückdrängtet, auch wenn es dafür nötig war, blutrünstige Diktaturen zu schützen. Seitdem ist die Berliner Mauer gefallen, das so genannte freie Europa hat sich erinnert, dass es an der blauen Donau Brüder hat, die ihm viel ähnlicher sehen als die Toubous von Tibesti. Auch die Diamanten, der Kaffee und das Edelholz verkaufen sich nicht mehr so gut, und Eurodisney ersetzt Safarifotos.
Nun sind wir also unter uns. Aber wenn Frankreich durch seine Geschichte, seine Kultur, seine Wirtschaft, seine Armeen ein sehr großes Land ist, so ist es doch nur ein kleiner Fleck auf der Weltkarte. Am Vorabend des Zweiten Weltkriegs hatte es ein Reich von 12 Millionen Quadratkilometern. Ist das nicht viel für ein Land kaum doppelt so groß wie Senegal? Fast 200 Millionen Menschen auf allen Kontinenten sprechen Französisch. Ist das nicht viel für ein Volk von 57 Millionen Seelen? Und denken Sie nicht, das läge nur daran, daß wir unsere eigenen Sprachen nicht entwickeln. Ihr habt doch in dem Moment, wo das Englische auf der Welt zur Regel wird, dieser Mode auch nachgegeben und die außergewöhnlichen Reichtümer eurer Schriftsteller und Enzyklopädisten hinter euch gelassen. Was wäre eure Sprache, jenseits des Atlantiks immer isolierter und im Maghreb vom Arabischen überholt, wenn es keinen harten Kern gäbe, der sie in seinen Verfassungen, seinen Ministerien, Schulen und Literaturen ständig verjüngte? Von Dakar bis Dschibuti, von Brazzaville bis Moroni lassen wir eure Worte tanzen, so daß sich Victor Hugo im Grabe umdrehen würde. Wir sind das Salz Ihrer Sprache, und manchmal fügen wir unseren roten Pfeffer hinzu, um dem subtilen, delikaten Geist einen kräftigen Körper zu geben.
Es stimmt, wir haben uns das Französische nicht ausgesucht, sondern die Geschichte hat es uns aufgezwungen. Erst mit Waffengewalt, dann mit strengen Lehrern, die jeden Fehler als Blasphemie betrachteten und die komplexen Regeln eurer Rechtschreibung und Grammatik mit Schlägen in unsere Seelen hieben wie Bildhauer. Das vergisst man nie, und das verwandelt das Fremde in einen Teil unserer Natur. Bis heute fühlen wir uns persönlich verletzt, wenn einer eurer Journalisten im Radio die Präpositionen durcheinander bringt wie wir als Grundschüler. Unsere Beziehung zu eurer Sprache ist die Geschichte eines Lebens. Rabelais konnte uns nicht schrecken. Wir genossen die Ironie von Voltaire, wir litten mit Madame Bovary, wir rebellierten mit Sartre, Camus und Malraux.
Haben eure Bürgersöhne von Neuilly und Saint Germain mehr geleistet als unsere barfüßigen Bauernsöhne von Djolof und Nguelaw? Haben sie die unnachahmlichen Erzählungen von Ahmadou Kourouma gelesen oder das ergreifende Spiegelbild unseres Schicksals, das uns Cheikh Hamidou Kane in seinem "Aventure ambigue" vorhält? Was wissen sie von Senghors königlicher Poesie, und haben sie jemals den Namen Tchicaya U TamSi gehört? Lernt man in den Sonderschulen eurer Problemvorstädte die Berbergesänge von Jean Amrouche, die Romane Marokkos und Libanons?
Und es ist nicht nur Frankreich zu uns gekommen. Auch wir sind nach Frankreich gegangen. Wir haben eines unsicheren Morgens unsere sonnenverbrannte Erde für das neblige Ufer der Seine verlassen. Wir haben unser Bett in den prestigeträchtigen Schulen aufgeschlagen, Cicero und Seneca übersetzt, Homer und Thukydides. Wir haben die Reptilien eurer Philosophie furchtlos überwunden, wir haben die nicht weniger gefährlichen Abhänge der Ingenieursschulen gemeistert, um Brücken und Kathedralen zu bauen. Wir haben im Louvre David und Renoir bewundert, wir haben die fremden Rhythmen von Debussy lieben gelernt. Wir haben das Quartier Latin bis zum Morgengrauen durchwandert und die Internationale gesungen. Wir haben Sartre auf den Friedhof von Montparnasse begleitet, wir haben 1981 François Mitterrand zugejubelt. Wir kennen euch genauso gut wie ihr, oft besser, eure Geschichte, eure Literatur, eure Künste, eure Musik, eure Küche, eure Frauen.
Wie groß unser Elend jetzt auch sein mag, wir hören lieber den Puls Afrikas im Nebel verlorener Dörfer als die rauschenden Feste von Versailles; die betäubende Geschäftigkeit des Sandaga-Großmarktes begeistert uns mehr als die ziselierten Gärten des Jardin du Luxembourg. Aber niemand kann uns unser kosmopolitisches Erbe stehlen. Ihr seid der Fluss, aber wir haben an euren Ufern unsichtbare Tempel errichtet. Und wenn eines Tages Frankreich nur noch ein Punkt auf einem Sternenbanner ist, kommen Sie zu uns. Sie werden dort, weitab von der Seine, die Wurzeln Ihrer Größe vorfinden.
Von OUSSEYNOU KANE
Le Monde
14.01.2000
Der 2. Dezember 1999 markierte einen entscheidenden Wendepunkt in den Verhandlungen von Seattle. Es war der Tag, an dem einige Vertreter südlicher Länder ihre Wut nicht mehr zurückhielten, weil sie sich zu Statisten in einem absurden Theaterstück degradiert fanden. Seit Stunden irrten sie durch die Gänge und Vorhallen des Konferenzzentrums, während die Delegationsleiter der reichen Länder die Tagesordnung unter sich aushandelten. Die Unterhändler des Südens mussten feststellen, dass man sie "draußen vor der Tür" halten wollte, fern vom Verhandlungstisch.
Wie die Journalisten und die Beobachter der Nichtregierungsorganisationen (NGOs) waren sie aufs Hörensagen und die spärlichen Informationen angewiesen, die auf den Pressekonferenzen verbreitet wurden, von denen die Hälfte kurzfristig abgesagt wurde. Viele von ihnen wussten nicht einmal, dass die eigentlichen Verhandlungen in den Green Rooms stattfanden, jenen diskreten Salons also, die seitdem zum Symbol für den undemokratischen Charakter der WTO geworden sind. Nach Auskunft von EU-Kommissar Pascal Lamy waren dort rund 30 Verhandlungsdelegationen versammelt. Die Entwicklungsländer, meinte Lamy, seien keineswegs " ausgeschlossen" worden, "Der indische Subkontinent etwa war durch Indien vertreten, der afrikanische Kontinent durch Südafrika, Marokko und Ägypten. Dennoch haben die Länder, die keinen Zutritt hatten, gegen das System protestiert". In Wahrheit hatten die vier Großmächte USA, Kanada, die EU und Japan die Vertreter des Südens nur dann in den grünen Salon gebeten, wenn sie es thematisch für geboten hielten.
Zu diesem willkürlichen Kooptationsmodus passte auch der informelle Charakter der Geheimverhandlungen. Hier wurden unter der Oberaufsicht von Charlene Barshevsky, die in ihrer Eigenschaft als US Handelsbeauftragte als Gastgeberin der Konferenz fungierte, ausgesprochen wichtige Entscheidungen gefällt. Dennoch gab sich WTO Generaldirektor Mike Moore noch am Tag nach dem Fiasko die größte Mühe zu unterstreichen, daß die Verhandlungen "im Rahmen eines Plenarausschusses" stattgefunden hätten. Nun hatte Frau Barshevsky ebendiesen Plenarausschuss gleich zu Beginn der Gespräche am 1. Dezember wissen lassen, dass sie zwar einen "integrativeren Ansatz unter Beteiligung aller Delegationen" bevorzuge, sich aber das Recht vorbehalte, "mit einer begrenzten Zahl von Delegationen im grünen Salon zu konferieren". Wenige Stunden später hagelte es im Presseraum des Tagungszentrums Protesterklärungen der südlichen Länder.
Der Handels- und Industrieminister von Ghana prangerte in seiner Eigenschaft als erster Vizepräsident der Organisation der Afrikanischen Einheit (OAU) das "Fehlen jeglicher Verhandlungstransparenz" an. "Die afrikanischen Länder werden an den Rand der Gespräche gedrängt und bleiben von allen Entscheidungen ausgeschlossen, die doch für ihre Bevölkerung von vitaler Bedeutung sind." Besonders besorgt äußerten sich die OAU-Minister mit Blick auf den erklärten Willen der Verhandlungsleitung, um jeden Preis eine Vereinbarung zu unterzeichnen, "auch auf Kosten der Verfahrensregeln, die Partizipation und das Konsensprinzip gewährleisten sollen". Die OAU-Minister seien entschlossen, die erforderliche Zustimmung zum Start der Millennium-Runde zu verweigern. Die Caricom-Länder (der Gemeinsame Markt der Karibischen Inseln) und einige Staaten Lateinamerikas zeigten sich angesichts der mangelnden Transparenz der Verhandlungen ebenso kompromisslos und lehnten jeden erzwungenen Konsens ab. Sie wehrten sich insbesondere, aus teils guten, teils auch schlechten Gründen, gegen die geplante Aufnahme von Sozial- und Umweltrichtlinien in die Handelsabkommen.
In der zunehmend gespannten Atmosphäre machten diese Reaktionen unübersehbar deutlich, welche Methoden der Einschüchterung und Manipulation innerhalb der WTO üblich sind. Da die Einstimmigkeit der Beschlüsse nicht mehr garantiert war, die nach den Statuten erforderlich ist, war das Scheitern der Konferenz praktisch programmiert. Das Netzwerk europäischer NGOs zu agrar-, handels-, umwelt- und entwicklungspolitischen Fragen (Rongead) und das Centre for International Environmental Law (CIEL) rieten den Delegationen des Südens, ihre weitgehend übereinstimmenden Positionen in einem Kommuniqué zusammenzufassen und eine gemeinsame Strategie auszuarbeiten. Beide NGOs unterstützten die französischsprachigen Delegationen aus Afrika nach Kräften.
In der Tat lagen die offiziellen Verhandlungstexte nur in englischer Sprache vor, obwohl auch Französisch und Spanisch zu den offiziellen Sprachen der Welthandelsorganisation gehören. Selbst die amerikanische Delegation erbarmte sich der verzweifelten Vertreter der Elfenbeinküste, die im schwach besetzten Plenarsaal verloren und ratlos herumsaßen, und schickte ihnen einige Rechtsberater. Neben den Mitarbeitern von Rongead und CIEL gingen auch die Vertreter des World Wildlife Fund (WWF) und des Third World Network (TWN) von einer Delegation zur anderen und redeten ihnen zu, dass sie aufschiebende Bestimmungen verlangen und kein Dokument ohne vorherige Prüfung durch einen Gutachter unterzeichnen sollten. In den meisten Ländern des Südens fehlt es schlicht an Geld, um ausreichend große und qualifizierte Delegationen zusammenzustellen. Mit zumeist nur drei bis fünf Mitgliedern, vielfach hohe Beamte ohne größere Erfahrungen mit internationalen Wirtschaftsverhandlungen, konnten sie schon mangels Personal unmöglich an allen Arbeitsgruppen teilnehmen. Auch die Parlamentarier, die mit den Ministern angereist waren, verstärkten nur die Reihen der Statisten; und auch bei ihnen zeigte sich dasselbe quantitative Nord-Süd-Gefälle wie bei den Chefunterhändlern.
Als auf Antrag der Europäer die Schaffung eines parlamentarischen WTO-Forums beschlossen wurde, waren Ecuador, Ägypten, die Dominikanische Republik, Gabun, Fidschi, Mauritius und andere Länder nicht vertreten. Der Norden dagegen war in voller Besetzung anwesend. Der Aufstand der südlichen Länder hätte eigentlich niemanden überraschen dürfen. Nur zwei Monate vor dem Seattle-Gipfel traf sich die Gruppe der 77 vom 14. bis 16. September in Marrakesch und gab den Organisatoren der WTO-Konferenz deutlich zu verstehen, dass vor jeder weiteren Liberalisierung des Welthandels zunächst die Regel der "drei R" anzuwenden sei: reevaluieren, reparieren, reformieren.
Clement Rohee, der Außenminister Guyanas, und Tofail Ahmed, der Handels- und Industrieminister von Bangladesch, unterstrichen dabei, dass die einseitigen Forderungen der Hauptentscheidungsträger , Industriestaaten und transnationale Unternehmen, die Entwicklungsländer schwächten, dagegen seien die Sorgen des Südens bei der geplanten Tagesordnung kaum berücksichtigt.
Auch die zweite Warnung verhallte ungehört. Vier Tage vor Eröffnung der Seattle-Konferenz trafen sich Vertreter der 71 AKP-Staaten (Afrika, Karibik und pazifischer Raum) in Santo Domingo und forderten nachdrücklich "eine differenzierte Sonderbehandlung", also das exakte Gegenteil der WTO-Prinzipien der Meistbegünstigung und der Regelung nationaler Märkte. Dabei bezeichnete Madagaskars Staatspräsident Didier Ratsiraka die Globalisierung als "totalitäre, auf Einheitsdenken beruhende Lehre, die von der derzeit größten Macht allen anderen Ländern aufgezwungen wird". Die WTO, so Ratsiraka weiter, sei die "bevorzugte Institution der Globalisierung, die letztlich alle menschlichen Tätigkeiten ihren Regeln unterwerfen will und sie nurmehr als Handelsgüter sieht". WTO-Generaldirektor Mike Moore erklärte sich daraufhin zum Anwalt des Südens, dementierte allerdings dieses schönen Bekenntnis sogleich mit der Ankündigung, er werde nicht versuchen, die Industrieländer davon abzuhalten, weitere Bereiche in die Verhandlungen einzubeziehen. Dieser Dialog unter Tauben führte zwangsläufig zu dem Aufsehen erregenden Scheitern der Millennium-Runde und faktisch zu dem Moratorium, das die Entwicklungsländer und zehntausende Demonstranten gefordert hatten. Sie werden als gemeinsame Sieger der "Schlacht von Seattle" in die Geschichte eingehen.
Von AGNES SINAI (dt. Bodo Schulze)
Süddeutsche Zeitung
30.08.2001
Afrika ist die Wiege der Menschheit. Genforscher sind dabei, diese Annahme molekularbiologisch zu untermauern. Deutsche Jugendliche könnten nach der Lektüre von Schulbüchern den Kontinent auch Jahrzehnte nach den Befreiungskämpfen als Ort des Sklavenhandels, selbst verschuldeter Kriege und Hungersnöte sehen. Befragungen Berliner Schüler ergaben, dass sie Afrika nach wie vor durch die Brille der ehemaligen Kolonialmacht betrachten. Sätze wie: "Afrikaner sind vom Wesen her passiv und leisten nichts" gehören zum Standard-Repertoire.
Zu den Stereotypen tragen nicht nur Medien bei, sondern auch deutsche Schulbücher. "Der koloniale Blick auf Afrika ist ungebrochen", sagt Anke Poenicke. Im Auftrag der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung hat die Berliner Pädagogin Neuerscheinungen auf dem Schulbuchmarkt der vergangenen drei Jahre untersucht, Lehrbücher für Erdkunde, Geschichte oder Biologie. In ihrem 50 seitigen Bericht kommt sie zu dem Schluss: "Es werden koloniale, zum Teil rassistische, zumindest stark vorurteilsgeprägte Bilder reproduziert."
Als Beleg führt Poenicke Texte und Fotos aus einigen der Bücher an. Unter anderem zitiert sie aus dem Geschichtsbuch "Das waren Zeiten 3: Sprache und Religion der Kolonialherren trugen langfristig zur Befreiung von der Kolonialherrschaft bei". Als "besonders drastisches Beispiel" bezeichnet sie "Geschichte kennen und verstehen" für die neunte Gymnasialklasse. Darin werde die Kolonisation als durchweg positiver Vorgang beschrieben. "Es entsteht der Eindruck, Afrikaner hätten vor der Ankunft selbstloser Missionare keine Häuser, keine Möbel, keine Heiler und keine Geburtenkontrolle gehabt", heißt es. Für besonders problematisch hält die Forscherin Darstellungen in Biologie Büchern, in denen noch unverblümt Rassenkunde betrieben werde und die Menschheit in "Europide, Negride und Mongolide" geteilt werde. Auch würden "abwertende Termini" wie "Neger" und "Hottentotten" benutzt oder Fotos halb nackter Massai repräsentativ für alle Afrikaner abgebildet, obwohl sie lediglich zwei Prozent der kenianischen Bevölkerung darstellten.
Poenickes Fazit zur deutschen Schulbuchweisheit: "Afrika hat bis heute keine eigene Geschichte, keine Kultur, keine Sprache". Der Kontinent diene nach wie vor dazu, das "Fremde, Bizarre, Abnorme", aus europäischer Sicht also das "Primitive" zu veranschaulichen. "Wir versuchen als einstige Kolonialherren die einstmals massive Versklavung der afrikanischen Bevölkerung immer noch zu rechtfertigen".
Zu ähnlichen Schlüssen kamen bereits kritische Schulbuch Studien in den siebziger Jahren. Doch wie sich nun zeigt, blieben sie folgenlos. "In den Köpfen sitzt das koloniale Bild fest", bestätigt die Koordinatorin der deutschen Unesco Projektschulen und Biologie Lehrerin, Eva-Maria Hartmann. Reaktionen auf den Bericht von offizieller Seite gab es zunächst nicht. Man müsse sich erst einmal schlau machen, hieß es bei der Kultusministerkonferenz. Im bayerischen Schulministerium hörte man zum ersten Mal von der Studie.
Die Konrad-Adenauer-Stiftung will sich des Themas auf einer Tagung im Herbst annehmen. Dort sollen Fachleute über neue Richtlinien für deutsche Schulbücher debattieren. Erreicht werden soll, dass künftig die Geschichte Afrikas aus afrikanischer Sicht aufgerollt wird.
Christine Burtscheidt
Oberösterreichische Nachrichten
30.08.2001
Afrikas Sklaven waren fast 500 Jahre lang nichts anderes als Massenware. Auf 20 Millionen wird ihre Zahl geschätzt. Es waren zumeist die kräftigsten Männer und Frauen, die dem Kontinent genommen wurden. Zurück blieben zerstörte Kulturen, während Europas und Nordamerikas Wirtschaft durch die Ausbeutung kostenloser Arbeitskräfte erst so richtig in Schwung kam. Afrika hat sich nie mehr erholt.
Die ehemaligen Kolonialmächte weigern sich nun aber hartnäckig, Entschädigungen zu zahlen. Die "African World Reparations and Repatriation Truth Commission" hatte die stolze Summe von 777.000 Mrd. Dollar vorgerechnet. Die Forderung nach Restitutionen ist in Durban aber auch aus rein praktischen Gründen "vom Tisch". Denn völlig ungeklärt ist, wer das Geld erhalten bzw. wer bezahlen soll. Schließlich waren ja auch die Araber in Nordafrika in den Sklavenhandel verwickelt.
Doch zumindest eine Entschuldigung für das angetane Leid wollen die afrikanischen Länder auf der Konferenz hören, versüßt mit dem Versprechen auf verstärkte Entwicklungshilfe und großzügige Schuldennachlässe. "Sklaverei und Sklavenhandel sind in allen Formen verboten", heißt es heute in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der UNO von 1948. Dennoch werden nach Schätzung der Menschenrechtsorganisation "Anti Slavery" derzeit noch immer mehr als 27 Millionen Menschen als Sklaven ausgebeutet. Händler zwingen Menschen zur Arbeit auf Plantagen, in Fabriken, in Haushalten und als Prostituierte. Ironie der Geschichte: Vor allem an der historischen Sklavenküste Westafrikas hat der Menschenhandel auch im 21. Jahrhundert Hochkonjunktur. Tausende Kinder werden hier als Arbeiter an die afrikanischen Plantagen oder als Prostituierte nach Europa verkauft. Aber auch das moderne Europa hat seine Sklaven: Hier sind es junge Osteuropäerinnen, deren Körper im Westen von Frauenhändlern zu Geld gemacht wird.
Frankfurter Allgemeine Zeitung
30.08.2001
In drei Dekaden wollten die Vereinten Nationen den Rassismus weltweit besiegen. Am Ende der dritten Dekade steht eine gemischte Bilanz.
Das südafrikanische Apartheidsystem wurde überwunden. Keiner aber konnte Völkermorde in Afrika und auf dem Balkan verhindern. Ethnische und religiöse Minderheiten werden überall weiter diskriminiert und verfolgt. 1948: Internationale Konvention gegen Völkermord. Als Reaktion auf die Verbrechen der Nationalsozialisten verabschiedete die Generalversammlung der Vereinten Nationen 1948 nicht nur die "Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte", sondern auch eine internationale Konvention gegen Völkermord. Die Konvention war das erste rechtlich verbindliche Völkerrechtsdokument, das sich explizit mit Rassefragen auseinander setzte.Vor 1945 war Rassismus kein Thema internationaler Vereinbarungen, nicht zuletzt, weil ihn alle führenden Weltmächte mehr oder weniger offen praktizierten. So waren in den USA die früheren Sklaven in den meisten Bundesstaaten bis in die sechziger Jahre hinein Bürger zweiter Klasse. Auch die Kolonialmächte England und Frankreich dachten nicht im Traum daran, den Bewohnern in den Kolonien die gleichen Rechte wie ihren eigenen Bürgern einzuräumen.
1926 Anti-Sklavereiakte.
Am weitesten gediehen, wohl auch aus wirtschaftlichen Erwägungen, war der internationale Kampf gegen die Sklaverei. Nach einzelstaatlichen Initiativen verabschiedete der Völkerbund 1926 eine Anti-Sklavereiakte. Nach Gründung der Vereinten Nationen und im Zuge der Dekolonialisierung kam das Thema Rassismus immer öfter auf die Tagesordnung. Die Unabhängigkeit der früheren Kolonien brachte nicht die erhofften Fortschritte.
1965 Rassendiskrimierung definiert.
Erstmals 1963 wurde eine, rechtlich nicht verbindliche, Deklaration der Vollversammlung verabschiedet, die die "Abschaffung aller Formen der Rassendiskriminierung" forderte. Dieser folgte im Dezember 1965 ein Abkommen mit gleichem Inhalt. Es definierte Rassendiskriminierung als jede "Unterscheidung, Ausgrenzung, Einschränkung oder Bevorzugung, die auf Rasse, Hautfarbe, Abstammung, oder nationaler oder ethnischer Herkunft beruht und den Zweck oder die Folge hat, die Anerkennung, der Genuss oder die Ausübung von Menschenrechten und Grundfreiheiten, zu verhindern oder einzuschränken". Neu war, dass man es nicht bei einem Vertrag beließ, sondern auch ein Komitee einrichtete, das die Einhaltung des Vertrags überwachte, ein Instrument, das auch bei den folgenden internationalen Menschenrechtsverträgen eingesetzt werden sollte. Dann wurden die Pläne ehrgeiziger.
1972 langfristiges Aktionsprogramm verabschiedet.
1971 wurde zum internationalen Jahr des Kampfes gegen den Rassismus erklärt. Im folgenden Jahr verabschiedete die Generalversammlung ein Aktionsprogramm, das über drei Dekaden laufen sollte. In der ersten Dekade (1973-1982) stand Erziehung und Ausbildung gegen Rassismus im Vordergrund, in der zweiten ging es darum, rechtliche Instrumente zu schaffen, die Opfern von Rassismus zur Verfügung stehen sollten. Außerdem verstärkten die Vereinten Nationen ihren Kampf gegen das Apartheidsystem in Südafrika. In der dritten Dekade sollten wiederum Informationskampagnen im Vordergrund stehen, da man annahm, das Unwissen eines der Hauptursachen des Rassismus sei.
1978 und 1983 wurden zusätzlich die beiden Vorläufer zu der jetzt stattfindenden Weltrassismuskonferenz abgehalten. Die Erfolge der internationalen Bemühungen sind indes mager. Die zweite Dekade des UN-Antirassismusprogramms erlebte zwar eines der größten Triumphe im Kampf gegen staatliche Unterdrückung, die sich auf Rassenunterschiede stützte, das Ende des Apartheidregimes in Südafrika. Rassendiskriminierung war damit aber auch in Südafrika nicht beendet, neuerdings wird sogar von einer Benachteiligungen der weißen Minderheit berichtet.
Katastrophale Rückschläge.
Das Ende des Kalten Krieges brachte sogar katastrophale Rückschläge mit sich. In Ruanda und im ehemaligen Jugoslawien wurden Männer, Frauen und Kinder aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer bestimmten nationalen oder ethnischen Gruppe verfolgt, misshandelt und massakriert. Und in der restlichen Welt lebt rassistische Diskriminierung weiter. In Indien zum Beispiel verbietet die Verfassung das traditionelle Kastensystem zwar schon seit der Unabhängigkeit. Trotzdem werden die sogenannten "Unberührbaren" weiterhin systematisch ausgegrenzt und benachteiligt. Daß die ambitionierten internationalen Programme gescheitert sind, verwundert allerdings nicht.
Rassismus lässt sich nicht einfach durch bessere Aufklärung, internationalen Druck und rechtliche Instanzen abschaffen. Sehr oft bedeutet die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Ethnie oder Rasse gleichzeitig die Zuteilung von sozialem Prestige, Macht, und Reichtum.
Rassismus wird perpetuiert, weil er eine einfache Grenzziehung zwischen sozialen Gruppen ermöglicht. Das heißt, dass ohne die Veränderung von wirtschaftlichen, sozialen und politischen Verhältnissen in vielen unterentwickelten Ländern kaum mit einem Ende rassistischer Praktiken gerechnet werden kann. Konferenzen politisch instrumentalisiert.
Trotzdem sind die Bemühungen der Vereinten Nationen nicht umsonst gewesen. Der Kampf um Formulierungen, den die Regierungen bei den Weltrassismuskonferenzen jedes Mal wieder ausfechten, zeigt zumindest, das die Thematisierung des Rassismusproblems sie nicht kalt lässt. Als ein größeres Problem erscheint, dass die Konferenzen politische instrumentalisiert werden und damit ihr eigentliches Ziel verfehlen. So litten die ersten beiden Konferenzen 1978 und 1983 unter dem Versuch der arabischen Staaten, die Konferenz in ein anti-israelisches Tribunal umzufunktionieren. Diese Gefahr besteht auch dieses Jahr. Radikale Textvorschläge der arabischen Staaten für die Schlussdokumente sind zwar durch die Vorkonferenzen entschärft worden. Die NGO-Resolutionsentwürfe dagegen nehmen kein Blatt vor den Mund. Israel werden Völkermord und ethnische Säuberungen vorgeworfen. Das Land soll als "rassistischer Apartheidstaat" verurteilt werden. Die Vergangenheit lässt jedenfalls die Bemühungen um eine Ende des Rassismus nicht los.
Geschichte bequemer als Gegenwart.
Auf der einen Seite lehnen die früheren Kolonialmächte Reparationszahlungen für die Folgen von Kolonialismus und Sklaverei kategorisch ab. Sie halten es für wichtiger, heutige Formen des Rassismus, auch oder gerade in den ehemaligen Kolonialstaaten, wirkungsvoller zu bekämpfen. Andererseits versteifen sich die Regierungen vieler dieser Staaten gerade deshalb auf die Geschichte, weil sie kein Interesse haben, Unterdrückung in ihren eigenen Ländern zu thematisieren, egal ob sie ethnisch oder politisch bedingt ist. Ob angesichts dieses Interessenkonflikts mehr herauskommen wird als bei den früheren Konferenzen, ist noch völlig offen.
Von Christian Boulanger
Die Welt
08.09.2001
Nachdem bereits eine Einigung zum Thema Sklaverei und Kolonialismus erreicht worden war, verständigten sich die Delegierten offenbar auch beim Streitpunkt Nahost
Durban - Nach der Einigung über das Thema Sklaverei und Kolonialismus haben sich die Delegierten auf der Weltrassismuskonferenz in Durban auch auf eine Abschlusserklärung zum Thema Nahost verständigt. Dies erklärte der südafrikanische Außenminister Nkosazana Dlamini-Zuma. Beide Themen waren die Hauptstreitpunkte, die die Konferenz von Beginn an überschatteten. Es habe nach seinem Verständnis einen Konsens in beiden Fragen gegeben, erklärte Dlamini-Zuma.
Nach der Erklärung des Ministers brachen die Delegierten der Konferenz in Applaus aus. Im Rahmen der Einigung über den Umgang mit dem Thema Sklaverei und Kolonialismus erkennt die Konferenz an, daß es sich bei Sklaverei und Sklavenhandel um Verbrechen gegen die Menschlichkeit handelte. Dies lehnte die EU am Freitag noch ab. Neben der Entschuldigung soll Afrika ein Paket wirtschaftlicher Hilfe angeboten werden, erklärte die südafrikanische Seite. Die Hilfe soll Afrika in Form von Schuldenerlassen und Entwicklungshilfeprojekten zu Gute kommen und nicht direkt mit der Frage des Sklavenhandels verknüpft werden.
"Wir sind froh, dass wir eine Lösung gefunden haben", erklärte Hans Winkler von der österreichischen Delegation.
Nach dem Durchbruch in dieser Frage erklärte die Delegation der Vereinigten Arabischen Emirate, eine Einigung stehe bevor. Die arabischen Staaten seien darauf vorbereitet, einem von Südafrika vorgelegten Kompromissvorschlag zuzustimmen. Darin werden Israel und der Zionismus nicht direkt erwähnt, die EU hat den Entwurf bereits angenommen. In dem Vorschlag, der der Nachrichtenagentur AP vorlag, wurden der Holocaust erwähnt und Antisemitismus sowie Islamfeindlichkeit kritisiert. Der Text äußerte Sorge über "die Not des palästinensischen Volkes unter fremder Besatzung", ohne Israel direkt zu erwähnen.
Wegen der Meinungsverschiedenheiten wurde die Konferenz am Freitagabend über das vorgesehene Ende hinaus fortgesetzt, um doch noch eine von allen Teilnehmerstaaten getragene Schlusserklärung zu verabschieden. Aus Protest gegen eine mögliche Verurteilung Israels hatten am Montag die USA und Israel ihre Delegationen abgezogen.
Die Zeit
10.01.2002
Wouter Basson nannte sich selbst Dr. Death. Zur Bekämpfung der Schwarzen entwickelte er einst Giftstoffe und Killerkeime. Der Prozess gegen ihn ist der aufwändigste, der dem weißen Regime in Südafrika je gemacht wurde.
Die zwei jungen schwarzen Frauen hatten sich zunächst nicht getraut, den High Court zu betreten. Aus diesem klotzigen, abweisenden Klinkerbau im Herzen Pretorias kommt nichts Gutes. Er beherbergt ein "weißes" Gericht, immer noch. Aber die Neugierde war dann doch stärker als die Scheu. Die beiden Frauen wollten die Bestie einfach mal sehen.
Nun sitzen sie im Strafhof G.C. 0.64, ganz hinten, auf dem äußersten Rand der letzten Holzbank, und schauen gebannt auf den Angeklagten. Eine gepflegte Erscheinung, dunkle Krawatte, anthrazitgrauer Anzug, gestutzter Vollbart, Halbglatze, unter den buschigen Brauen eng stehende, wachsame Augen. Sieht so ein Scheusal aus? Soll das der Mann sein, der geplant hatte, daß schwarze Mädchen, wie sie es sind, erst gar nicht geboren werden?
Der Mann heißt Wouter Basson, ist 52 Jahre alt und von Beruf Arzt. Er wird zu den kaltblütigsten Killern der Apartheid gezählt. Die Anklage beschuldigt ihn, zum Mord angestiftet zu haben, letale Substanzen für die Liquidierung von politischen Gefangenen verteilt und selber Todesspritzen gegeben zu haben. Zeugenaussagen und sichergestellten Akten zufolge hat ein Forscherteam auf seine Anweisung hin Seuchenerreger gezüchtet, um Teile der schwarzen Bevölkerung zu sterilisieren oder auszurotten. Nelson Mandela, der unbeugsamste aller Widerstandskämpfer, sollte an Krebs sterben, verursacht durch Karzinogene aus Bassons Labors. Der Deckname seiner Mission lautete "Project Coast", "Projekt Küste", Aufbruch zu neuen Ufern. Gemordet wurde im alten Stil. In Südafrika vergleicht man den Doktor und seine Handlanger mit Naziwissenschaftern.
Handbuch der Grausamkeiten
Die Geschichte beginnt in den frühen achtziger Jahren, in der Hochphase des Kalten Krieges, als das weiße Regime weltweit isoliert war und sich von Feinden umgeben sah, von der roten Gefahr des Weltkommunismus und von der swart gevaar aus Afrika. In Namibia, Angola und Mosambik erstarkten die Befreiungsbewegungen. Es war eine Zeit des kollektiven Verfolgungswahns, in der die Burenrepublik alle Regeln eines zivilisierten Staates aufhob. Damals beschloss der Generalstab der südafrikanischen Streitkräfte das Project Coast, die Aufrüstung mit chemischen und biologischen Kampfstoffen. Das streng geheime Militärprogramm der Apartheid war ursprünglich defensiv angelegt, aber bald schon kam die Produktion offensiver B- und C-Waffen hinzu. Mit der Umsetzung dieser Pläne wurde Oberstleutnant Wouter Basson betraut, ein junger, ebenso ehrgeiziger wie scharfsinniger Kardiologe und Militärmediziner. Er leistete ganze Arbeit. Am Ende besaßen die Südafrikaner eines der umfassendsten Arsenale an Biokillern, die seit dem Zweiten Weltkrieg aufgebaut wurden.
Sieben Jahre ermitteln die Strafverfolgungsbehörden in Sachen Basson und Project Coast. Die Anklageschrift, 400 Seiten dick, liest sich wie ein Handbuch der Grausamkeiten. Wouter Basson ist in 63 Punkten angeklagt, unter anderem wegen vielfachen Mordes, wegen Beihilfe zum Mord, wegen schweren Betrugs und Drogenhandels. Am Montag, dem 4. Oktober 1999, eröffnet das Oberste Gericht in Pretoria die Verhandlung. Es beginnt der aufwändigste Prozess, der der Apartheid je gemacht wurde und vermutlich der letzte.
August 2000. Alle, die im Gerichtssaal Platz genommen haben, sind weiß und männlich, ausgenommen die beiden schwarzen Zuhörerinnen. Die Männer sind Buren. Da ist Jaap Cilliers, der Chef des Verteidigerstabes, der sich einen Namen gemacht hat als Rechtsbeistand für rassistische Totschläger und Armeegenerale, die eines Massakers an Zivilisten beschuldigt wurden. Da sind die Staatsanwälte Anton Ackermann und Torie Pretorius, die früher schwarze Oppositionelle ins Gefängnis brachten. Und da ist der grauhaarige Richter in der karminroten Robe, Willie Hartzenberg. Auch er war ein treuer Mandarin des untergegangenen Regimes. Er wird demnächst das Urteil fällen, ganz allein, es gibt keine neutralen Geschworenen. Verhandelt wird in Afrikaans, der Sprache der Täter. Der kahle, düstere Saal, das traditionelle Procedere, die Akteure, alles wirkt so, als wäre man in die siebziger Jahre zurückversetzt. Hier, im Strafhof G.C. 0.64, richtet die Apartheid über sich selbst. Die Kosten des Mammutverfahrens, Verteidigung inklusive, trägt die neue, demokratische Regierung. Sie hat nicht einmal einen Beobachter in den Prozess entsandt.
Wouter Basson unterhält sich flüsternd mit seinem Hauptverteidiger. Gerade wird ein Belgier zu diversen Immobiliengeschäften vernommen, ein mühseliges Frage und Antwort Spiel, das den Angeklagten sichtlich amüsiert. Was kann ihm dieser halbseidene Geschäftsmann, er ist einer von 200 Zeugen, schon anhaben? Wer könnte je sein Imperium durchschauen? Dieses Geflecht aus hundert Niederlassungen und Scheinfirmen auf drei Kontinenten, bestehend aus Golfplätzen, Jagdfarmen, Luxusvillen, Reisebüros, Bürohäusern und Pharmaunternehmen. In Brüssel, Windsor und Basel, in Florida und in Transvaal, in den Ardennen und auf den Kaimaninseln. Das globale Netzwerk des Dr. Basson diente der Verschleierung eines kriminellen Großprojekts und der persönlichen Bereicherung. Man schätzt, der Angeklagte habe umgerechnet rund 24 Millionen Mark auf seine Privatkonten abgezweigt.
Die Hintermänner hatten den Spezialagenten Basson mit einer Carte blanche ausgestattet. Er konnte reisen, wohin er wollte, reden, mit wem er wollte, Geld ausgeben, so viel und wofür er wollte. Einzige Dienstauflage: "Ich sollte darauf achten, stets mehr zu nehmen als zu geben." Basson wechselte seine Identitäten wie die Anzüge, benutzte vier Pässe, seinen südafrikanischen und drei weitere, die er sich durch Scheinehen mit Frauen aus Bulgarien, Belgien und Russland beschafft hatte. Gestern Banker, heute Internist, morgen Unternehmer, ein globetrottender Verwandlungskünstler, der wie E.T.A. Hoffmanns Dottore Dapperdutto an mehreren Orten gleichzeitig aufzutauchen schien.
Seine Reisen führten in den Iran, nach Nordkorea, Syrien, Pakistan, auf die Philippinen. Libysche Wüstennester gehören dazu, die Chefetagen amerikanischer Pharmakonzerne, deutsche Chemielabors, irakische Giftgasfabriken, sowjetische Waffenschmieden, medizinische Forschungsstationen irgendwo im Dschungel des Kongobeckens. Basson pflegte Verbindungen zu britischen Agenten und Drogenbaronen aus Kolumbien und auch zu Offizieren der Nato.
Seine Recherchen begann Basson, heißt es, 1981 in Washington, an den Computern der Library of Congress. Im Laufe der Jahre wurde ihm allerorten mit Informationen, Technologie und Material geholfen. Zum Beispiel in Atlanta, beim Center for Desease Control. Dort habe er achtmal eine Auswahl von Viren bestellt und problemlos erhalten. Wie Spielzeug aus einem Versandhaus. Basson brüstet sich, sogar die Bio- und Chemiewaffenprogramme des Westens geknackt zu haben und ins Innere der militärischen Forschungszitadellen von Fort Detrick, USA, und Porton Down, England, vorgedrungen zu sein.
Dem Gericht wird schwindlig, in hundert Masken, hundert Rollen jagt er es durch seine Labyrinthe, und man fragt sich, ob er selber noch Schein und Sein, Fakten und Fiktionen auseinander halten kann. Existiert Abdul Razak, der Topspion aus Tripolis? Haben ihm die Chinesen Aufträge für Experimente mit Schimpansen erteilt? Wenn Basson das Gefühl hat, daß Zweifel an seinen Darstellungen aufkommen, schiebt er schnell real existierende Personen auf die Bühne, dienstbare Kontaktleute wie Peter Regli, den abgesetzten Chef des Schweizer Geheimdienstes. Bitte schön, in Bern läuft eine Untersuchung, um die Connections des eidgenössischen Spionagechefs nach Südafrika zu durchleuchten...
Verhandlungspause. "Wenn Sie bei diesem Prozess nicht mehr durchblicken, dann geht es Ihnen wie mir", sagt Wouter Basson auf dem Gerichtsflur. Er wirkt charmant, gewitzt, schlagfertig. Sein Händedruck ist sanft, wie der eines Arztes, dem man Vertrauen schenken will. Ein feiner, ein sympathischer Mensch. Dies sagt auch die Studentin, die ihn in Mickey's Steakhouse bediente, und die Krankenschwester, die ihm assistierte. Auch der Kommissar, der ihn vernahm, redet so. Man stellt sich vor, wie Basson Herzkatheter legt. Oder wie er seinem zehnjährigen Sohn beim Cricket zuschaut. Es fällt schwer, diesen Zeitgenossen mit den ungeheuren Anschuldigungen in Verbindung zu bringen, die gegen ihn erhoben werden.
Vielleicht wäre ein ganz Großer aus Wouter Basson geworden, wenn sein Vater, ein Polizeibrigadier, nicht 1967 aus dem freisinnigen Kapstadt nach Pretoria versetzt worden wäre, in die Hauptstadt der Apartheid. Vielleicht wären die Träume des schmächtigen Jungen wahr geworden, der vom Blaubergstrand über die Tafelbucht hinüber nach Kapstadt sah, zu den alabasterweißen Hochhäusern, zur Universität, zum berühmten Groote Schuur Hospital. Er, der Hochbegabte unter den Mittelmäßigen, die in der Arbeitervorstadt Milnerton die Schulbank drückten, wollte diese Welt erobern. Wollte Gynäkologe werden. Oder eine Koryphäe wie Christiaan Barnard, der Herzverpflanzer. Oder ein mächtiger Politiker. "Ich könnte heute Gesundheitsminister sein, wenn es anders gelaufen wäre", meint Basson.
Er studierte Medizin in der Wagenburg Pretoria, erwarb Zusatzdiplome in Physiologie und Chemie und machte Karriere beim Militär. Das markanteste Zeichen, das der tagträumende Junge in seinem Geburtsort Kapstadt setzen sollte, ist die Wandinschrift in einem Café. "Die Wahrheit über alles", steht da zu lesen. Gezeichnet: "Dr. Death" - Doktor Tod.
Käfige hinter Stacheldraht
Staubige Straßen, dürres, karges Hochfeld, von Buschfeuern geschwärzte Erde. Das nördliche Hinterland von Pretoria, dreißig Autominuten vom Gericht entfernt, ist eine Gegend, in der die Farmer misstrauisch schweigen und Schwarze zur Seite treten, wenn ein Weißer des Weges kommt. Dr. Basson und sein Labor? Kennt keiner. Es gibt nur das Navorsingsinstituut vir Plantbeskerming, das Institut für Pflanzenschutz, unten am Stausee. Der Wachmann am Haupttor dort ist irritiert. Ja, sagt er, dies sei der gesuchte Ort, aber es gäbe nichts mehr zu sehen.
Hinter Stacheldraht und Schirmakazien sind einfache Klinkerbauten mit blauen Blechdächern und Regentraufen zu erkennen. Irgendwo darunter müssen sich die Eiweißzentrifugen befunden haben, die Schlangenkühler und Primatenkäfige, der provisorische OP, die 40 Quadratmeter große Isolationskammer, die Sektionen für Mikrobiologie, Toxikologie, Biochemie, Molekularbiologie, die unterirdischen Roodeplaat Research Laboratories. Hier begann im Jahre 1982 unter strengster Geheimhaltung das Project Coast. Die Operation war so geheim, daß viele der 110 Mitarbeiter gar nicht wussten, woran sie da mitwirkten.
Dr. Daan Goosen wusste es. Goosen ist Veterinärmediziner, ein wohlbeleibter, leutseliger Mann mit Schnauzbart und hellen Augen, der genau so aussieht, wie man sich einen Tierarzt im Busch vorstellt. Wir treffen ihn im Einkaufszentrum von Centurion, der umgetauften Vorstadt Pretorias, die früher einmal Verwoerdburg hieß, zu Ehren von Hendrik Verwoerd, dem Architekten der Apartheid. Fünf Jahre lang, von 1983 bis 1988, war Goosen Manager von Roodeplaat. "Schon bald hatten wir alles, was wir brauchten, insgesamt 600 Mikroorganismen." Er zählt wahllos einige Killerkeime und Giftstoffe auf, Krankheiten, die sich erzeugen ließen: Pest, Gelbfieber, Cholera, Pocken, Hepatitis A, Botulinum, Tularämie, Staphylococcus-Enterotoxin, E. coli, Ebola, Marburg, Rift Valley, HI-Viren, Ricin, Nekrotisierende Fasciitis, Organophosphate, hoch konzentrierte Gifte von Mambas und Skorpionen, dazu Nervengase, Sarin, VX und so weiter." Und natürlich Milzbrand. Wir hatten einen der potentesten Stränge der Welt." Fachleute vermuten, daß es sich dabei um Erreger des Ames-Stranges handelte, die in der fraglichen Zeit aus Fort Detrick in Maryland gestohlen wurden, jenen Hochsicherheitslabors der U. S. Army, zu denen sich Basson Zugang verschafft haben will.
Goosen nimmt ein Zuckertütchen aus dem Kaffeegedeck. "Es ist einfach, das mit Salmonellen zu infizieren, Kinderkram." Das Forscherteam habe vielerlei "toxische Spezialitäten" fabriziert. Schokoriegel, Zigarettenfilter und Klebeflächen von Briefcouverts, die mit Anthraxsporen bestäubt wurden; Thallium, verborgen unter Kronkorken; Paratyphusbazillen in Deodorants und Zyanid in Lippenstiften; Regenschirme, Schraubenzieher und Spazierstöcke mit tödlichen Substanzen. Die speziell für Nelson Mandela entwickelten Karzinogene sollten in seine Gefängniskost gemixt werden. Nebenbei erprobte man neue Techniken der psychologischen Kriegsführung. An einen Baum im Garten des Erzbischofs Desmond Tutu wurde der Fötus eines Pavians drapiert, er sei aus Roodeplaat geliefert worden, behauptet der Geheimpolizist, der die Aktion ausführte.
"Wir waren im Krieg, seinerzeit", erklärt Goosen und steckt das Zuckertütchen zurück ins Tischset. "We had to take these guys out" - "Wir mussten diese Kerle auslöschen." Kerle wie den prominenten Kirchenmann Frank Chikane." Als alles vorbei war, sagte ich zu ihm: ,Frank, du hast Schwein gehabt. Eigentlich solltest du längst tot sein.' Wir lachten." Chikane überlebte vier Attentate; bei einem Anschlag war seine Unterwäsche mit einem Hautkontaktgift durchtränkt worden.
Und was ist mit den so genannten rassespezifischen Erregern? "Man erklärte uns", sagt Goosen, "daß die hohe Geburtenrate der Kaffern die Ressourcen unseres Landes aufzehre. Doc Wouter beauftragte mich, ein Bakterium zu entwickeln, das schwarze Frauen unfruchtbar macht. Das ist durchaus möglich, in Amerika war damals zum Beispiel ein Serum zur Sterilisierung von Katzen im Handel." Es habe auch sehr konkrete Überlegungen gegeben, die Mikroben über das getrennte Trinkwassersystem der Townships und in Grundnahrungsmittel der schwarzen Bevölkerung zu applizieren. Einmal wurde erörtert, eine Seuche am Eastern Cape auszulösen, einer Hochburg des Widerstands. Jedenfalls will das Mitglied einer Todesschwadron gehört haben, wie Dr. Basson anregte, die Aufständischen zu erledigen - mittels einer Cholera-Epidemie. Außerdem gab es Gedankenspiele zu einer Art "ethnischen Bombe", wie es Goosen ausdrückt. "1983 war uns aus London ein Bakterium angeboten worden, das nur Menschen mit spezifischen Hautpigmenten befallen würde. Es stammte angeblich aus einem deutschen Labor." Von Krankheitserregern als ethnischen Waffen waren die Forscher der Apartheid offenbar besonders fasziniert. 1996 musste sich hier, ebenfalls vor der Strafkammer G.C. 0.64, bereits Eugene de Kock verantworten, ein bekennender und zu lebenslanger Haft verurteilter Serienmörder im Solde der Polizei. Er berichtete von Experimenten mit einer Mixtur, die weiße Agenten in Schwarze verwandeln sollte, um inkognito ANC-Zellen zu infiltrieren. Oder umgekehrt." Warum wird nicht eine Pille erfunden, die Schwarze weiß macht?", fragte de Kock. "Dann wären wir die ganze Scheiße in unserem Land los."
Experten halten die Forscher von Roodeplaat für infantile Alchemisten mit eher unbedeutenden Erkenntnissen. Auch Basson sei kein herausragender Wissenschafter gewesen, sondern ein gemeiner Krimineller, sagt Daan Goosen. "Manchmal schäme ich mich. Der ganze Wahnsinn, die grausamen Tierversuche..." Und die Menschen? "Ja, natürlich. Es war schrecklich und unmoralisch, was wir taten."
Eine kurze Teepause lang war der Gerichtssaal verwaist und der Sicherheitsbeamte offenbar wieder einmal eingenickt. Als die Prozessbeteiligten zurückkehren, ist ein Laptop der Verteidigung spurlos verschwunden. Prozessprotokolle, Randnotizen, entlastende Dokumente, alles weg. Die Advokaten sind perplex. Nur ihr Mandant reagiert sofort. Wouter Basson alarmiert den Wachdienst, hastet durch die Gänge, durchsucht die Toiletten. Vergeblich. Der Laptop ist nicht zu finden. "Der dritte seit Prozessbeginn", bilanziert der Verteidiger, als seien solche Diebstähle ganz normal.
Aber was heißt schon normal in einem Prozess, der die Hintergründe eines potenziellen Massenmordes erhellen will? Bei dem Armeegeneralen Beweismittel zugespielt werden, ehe die Staatsanwälte sie erhalten? Der mehrfach wegen Bombendrohungen unterbrochen werden musste? Der ein Lehrstück inszenieren wollte und zur großen Schaubühne des Angeklagten wurde?
Experimente am lebenden Objekt
Wouter Basson überfliegt die Pretoria News. Das macht er jeden Tag, und in fast jeder Ausgabe findet er einen Artikel über Wouter Basson. "Was muss das für ein schlechter Mensch sein", sagt er und blättert weiter zum Sportteil. Er liest die Geschichten über sich, als würde dort ein ganz anderer beschrieben, ein Unhold, ein Erzbösewicht, ein Monstrum, das zufällig so heißt wie er.
Szenenwechsel: Tygerberg bei Kapstadt, ein kleiner verlotterter Privatzoo, den Basson einst angemietet hatte. Ein junger Tiger springt in den Felsenpool in der Mitte des Geheges, um seinen wasserscheuen Verfolgern, zwei Löwen, zu entwischen. Rein und raus, hin und her, drei Raubkatzen, wie Pawlowsche Hunde auf ein Verfolgungsritual konditioniert, man könnte fast glauben, hier sei eine Versuchsanordnung des Project Coast stehen geblieben. Für seine mutmaßlichen Auftraggeber aus Libyen, Russland und der DDR experimentierte Basson hier am lebenden Objekt. Hier testete er nach eigenen Angaben die Wirkung von Schwermetallen auf Geparden, ein Experiment in Zusammenarbeit mit der benachbarten Universität Stellenbosch. Er habe auch Pheromone extrahiert, überwiegend von Grysböcken. Den Zweck verschweigt Basson. Ein Mitarbeiter berichtet von Plänen, Tierherden mit angsterzeugenden Pheromonen zu traktieren, um daraus Schlüsse auf das Panikverhalten von Menschenmassen abzuleiten.
"Lauter Dreck! Zeitungsdreck!", ereifert sich Lothar Neethling und droht sogleich: "Wir kriegen dich, wenn du auch so ein Zeug schreibst!" Der Polizeigeneral i. R. ist ein verbitterter Pensionär; er stolperte über ein Mordkomplott, in das er verwickelt gewesen sein soll. Neethling hat auf dem Feld chemischer Waffen eng mit Basson zusammengearbeitet. "Ein harmloses Nervengas, ein bisschen schärfer als CS, sollte entwickelt werden, zugegeben. Wir wollten, daß sich die Schwarzen in die Hosen scheißen und aufhören, zu demonstrieren. Ha! Ha! Ha!" Dröhnendes Gelächter, neugierige Blicke aus dem Halbdunkel einer Bierkneipe in Pretoria. "Aber Wouter hat nichts Unrechtes getan. Warum wohl haben ihn die Kaffern weiterbeschäftigt?" Neethling erinnert daran, daß Basson von Frederik de Klerk, dem letzten weißen Präsidenten, Weihnachten 1992, also kurz vor dem Machtwechsel, vom Militärdienst suspendiert worden war, aber von Nelson Mandela, dem ersten schwarzen Präsidenten, 1995 wieder eingestellt wurde. Es heißt, die CIA und der britische Geheimdienst MI6 hätten Mandela dazu gedrängt. Mutmaßliche Begründung: Dieser Geheimnisträger mit besten Verbindungen sowohl zu Giftküchen von Schurkenstaaten als auch zu Forschungszentren des Westens müsse irgendwie weiterbeschäftigt und auf diese Weise neutralisiert werden.
Beim dritten Glas Whiskey erzählt Neethling von gemeinsamen Recherchen in Europa, "wo ich Wouter manche Tür geöffnet habe". Es fällt der Name einer Schweizer Firma: Huber & Suhner aus Pfäffikon, der Hersteller von Gasmasken für die eidgenössische Armee. Personen werden genannt: Nikolaus Schleiffer, Beschaffer von ABC-Schutzkleidung; Dr. David Chu, Pharmakologe, Mitglied der Falun-Gong-Sekte, intimer Kenner der Basler Chemiebranche; Jürg Jacomet, Spion und Kontaktstifter aus Zürich. Sie knüpften alle am Nebennetzwerk, das Basson in der Schweiz auswarf, um Know-how und Rohstoffe für sein Projekt zu beschaffen und eigene Produkte aus Roodeplaat zu vermarkten. Oder sie halfen, andernorts Fuß zu fassen. "Jacomet hat uns nach Russland geführt", verrät Neethling. Aber, keine falschen Schlüsse! Das seien alles ganz normale Dienstreisen gewesen, bei denen Basson stets absolut seriös aufgetreten sei.
Anruf des Chefanklägers Anton Ackermann, Juli 2001. "Kennen Sie einen Blucher oder Blücher? Nie gehört? Er soll Chef der deutschen Biowaffen-Mafia sein, behauptet Basson. Können Sie darüber irgendetwas in Ihren Archiven herausfinden? Am Montag nehme ich Basson ins Kreuzverhör." Der Staatsanwalt bittet die Presse um Amtshilfe. Warum tut er das? Um den Berichterstatter vom oftmals bezweifelten Aufklärungswillen der Anklage zu überzeugen?
Ein Killeragent als Zeuge
Im Gericht ist die Atmosphäre noch familiärer geworden. Die Verhandlung wurde nach 8.D verlegt, in einen kleinen, fensterlosen Saal im achten Stock. Man braucht den Strafhof G.C. 0.64 für andere Prozesse; zu Basson kommt niemand mehr, kaum Journalisten, keine Zuschauer, nicht mal Freunde. Das Neonlicht, die dunklen Lattenrostwände, die zur Stirnseite abfallende gipsgraue Plastikgussdecke verleihen dem Raum die Aura eines Bunkers. Diesmal geht es um einen Mandrax-Deal in Kroatien, um gefälschte Vatikanbonds und um 1040 Ecstasy-Kapseln, die bei seiner Festnahme im Januar 1997 konfisziert wurden.
Der Beschuldigte lächelt sardonisch vom Zeugenstand auf die Staatsanwälte herunter, die ihn aus einem Wald von Akten heraus attackieren. "Nee" wird sein meistgebrauchtes Wort in den nächsten Tagen sein, "nein" auf Afrikaans. Er soll Mordaufträge erteilt haben? Soll, wie ein Hauptmann der Armee gesehen haben will, selber Giftspritzen verabreicht haben? Soll Killerkommandos mit tödlichen Cocktails versorgt haben, wie Johan Theron aussagt, ein Agent, der, nach eigenem Eingeständnis, mindestens 200 Gefangene der namibischen Befreiungsbewegung Swapo umgebracht hat? Die Leichen der Opfer seien in Kleinflugzeuge verladen und aus 4000 Meter Höhe in den Atlantik geworfen worden. Nein und nochmals nein! Mit derlei Gräueltaten hat ein Dr. Basson nichts zu tun. Er habe gelegentlich Beruhigungsmittel ausgeteilt, entgegnet er, Valium zum Beispiel, mehr nicht.
Mitunter aber gibt Basson Händel preis, die nicht in dieses Unschuldsgemälde passen wollen. So erzählt er einmal stolz, wie er in der Sowjetunion Wachstumshormone erworben habe, 250 Gramm, extrahiert aus "etwa 30.000 toten Menschenkörpern". Gezielte Ungereimtheiten, fein dosierte Widersprüche, irreführende Andeutungen gehören zu seinem Versteckspiel. Die Advokaten folgen ihm dabei, so wie sie ihm nachgerannt sind, als er nach dem Laptop fahndete. Auch sie verirren sich immer wieder in den Hinterzimmern und Geheimgängen seines Lügengebäudes.
Um keine Antwort, keine Ausflucht ist Basson im Kreuzverhör verlegen, er passt seinen Gesichtsausdruck der jeweiligen Frage an. Wechselt vom Unschuldsblick zur Angriffsmiene. Mimt den arroganten Wissenschafter, den harten Elitesoldaten, den feinsinnigen Herzchirurgen. Wenn er seine Nase hoch schiebt und die Augenbrauen wölbt, blitzt etwas Komödiantisches aus seinen Zügen. Seine Meisterrolle aber ist die des loyalen Staatsdieners, der seine Aussagen durch Reinlichkeitsgebärden untermalt. Er klopft auf seine Manschettenknöpfe, als wolle er sie vom Staub befreien. Oder er führt das Wasserglas so rituell zum Mund wie ein Priester den Messkelch.
Dieser rätselhafte Mann wurde oft als "Mengele vom Kap" bezeichnet. Er wurde zu einer Projektionsfigur, die alle Perversionen der Apartheid verkörpert. Doch die Taten des weißen Regimes mit denen der Naziverbrecher auf eine Stufe zu stellen, das wies Expräsident de Klerk vor Jahren schon gegenüber der ZEIT zornig zurück: "Vergessen Sie nicht, wir haben keinen Völkermord verschuldet und nicht Millionen umgebracht." Aber wie viele Opfer waren es dann?
Niemand kennt die Zahl der Toten, sie geht vermutlich in die Tausende und Abertausende. "Wir haben uns immer gewundert, wenn ein kerngesunder Genosse von 35 Jahren aus unerfindlichen Gründen an Herzversagen starb", sagt Indres Naidoo. Der ANC-Aktivist schaut von seinem Balkon im Kapstädter Viertel Vredehoek auf die Tafelbucht hinunter. Im Abenddunst ist die Kerkerinsel Robben Island zu erkennen, auf der er zehn Jahre lang eingesperrt war. Vor drei Jahren meldete sich ein Unbekannter, der ihn einst töten sollte. "Er erzählte vom brillanten Doktor Basson und von den Mordinstrumenten, die seine Leute bastelten." Bierdosen zum Beispiel, deren Blechlaschen mit Gift präpariert wurden, ein tödlicher Trank für einige von Naidoos Mitstreitern. Er selber hat überlebt, aber Fragen quälen ihn bis heute: "Wer und wie viele wurden mit diesen Methoden umgebracht? Und wer sollte noch sterben? Wir werden es nie erfahren." Naidoo glaubt nicht, daß der Basson-Prozess viel Licht ins Dunkel bringt. Das Gros der Beweismittel wurde vernichtet, die Auftraggeber waschen ihre Hände in Unschuld, die Mörder beschuldigen sich gegenseitig.
Auf dem Hügel gegenüber dem Vortrekker-Monument, dem nationalen Heiligtum der burischen Siedler, erhebt sich der graue Komplex des One Military Hospital. Davor eine Bronzestatue, ein verwundeter Soldat, gestützt von einem Feldscher. "Curamus" steht darunter. Wir heilen. Dies ist die letzte Wirkungsstätte des Herzspezialisten Dr. Basson. "Er fehlt uns sehr", klagt die Oberschwester in der Kardiologie. "Er ist ein brillanter Mediziner. Unsere Patienten haben ihn angebetet." Dr. Jekyll wird vermisst. Von einem Mr. Hyde, der den hippokratischen Eid gebrochen hat, will man hier nichts wissen.
Basson praktizierte bis 1993 im One Military Hospital. Er war zugleich Kommandeur des Seventh Medical Battalion, das die insgeheim in Angola, Namibia und Mosambik kämpfende Truppe sowie verbündete Rebellen versorgte. Basson kehrte noch einmal in die Kardiologie zurück, ehe er endgültig gefeuert wurde. Im Juli 2001 verlor er seine Approbation als Arzt. Im Jahr zuvor assistierte er noch bei der Bypassoperation, der sich ein gewisser Niels Knobel unterziehen musste. Knobel war als Oberster Stabsarzt der Streitkräfte Bassons unmittelbarer Vorgesetzter, er sollte kurz nach der Eingriff nicht zugunsten seines Kriegskameraden aussagen.
Basson erwartet nichts von seinen Auftraggebern. Er nennt sie zwar Feiglinge oder Hühnerschädel, aber namhaft gemacht und belastet hat er bislang keinen einzigen. Er bleibt rabentreu, weil er sich seinerseits auf das Stillschweigen der weißen Militärs verlassen kann. Seine Umtriebe wurden gedeckt von höchsten Regierungsleuten bis hinauf zum damaligen Präsidenten Pieter Botha, dessen Leibarzt Basson war. Aber was er im Einzelnen alles tat, wissen sie nicht. Die Mehrzweckwaffe ist ihren Erfindern irgendwann entglitten.
"Ein Ring aus Stahl umgibt diese Person", berichtet Wendy Orr, ein Mitglied der Wahrheitskommission, die die Verbrechen der Apartheid außergerichtlich aufklärt. Auf massiven Druck der schwarzen Regierung und der weißen Militärs durfte die Anhörung Bassons nur in camera stattfinden; den Kommissaren wurde untersagt, ausländische Verwicklungen genauer zu ergründen. "Es lag auf der Hand, daß die CIA und der britische Geheimdienst MI6 involviert waren, und es gab Verbindungen zu Westdeutschland, Israel, Taiwan... Man wollte die Beziehungen zu diesen Staaten nicht belasten."
Basson trat im Juli 1997 vor die Kommission, verkleidet als "neuer Südafrikaner", in einem jener bunten Ethnohemden, wie sie auch Mandela gerne trägt. "Er war aufgeräumt und kooperativ, seine Aussagen wirkten plausibel", erinnert sich Wendy Orr. Der Vorgeladene hatte wenig zu befürchten. Belastende Akten waren auf Druck Washingtons und Londons schon vor der Wende im Jahre 1994 vernichtet worden, um zu verhindern, daß sie Mandela und der ANC-Regierung in die Hände fallen, wie Basson zu Protokoll gab. Die restlichen Geheimdokumente wurden auf CD-ROMs gespeichert. Der Experte, der die Datenkonversion überwachte, hieß Wouter Basson.
Aber da waren noch die vier blauen Stahltruhen, die Basson bei seinem Bankmanager untergestellt und offenbar vergessen hatte. Sie enthielten Fachliteratur über Sarin, Soman, Tabun und VX, die vier gefährlichsten Nervengase, sowie jede Menge Material über das Project Coast. Er habe die Truhen nie gesehen, insistierte Basson. Wie aber private Fotos und Unterlagen dort hineingerieten, konnte er nicht erklären.
Kein Gedanke an ein Geständnis
Zwölf Stunden dauerte die nichtöffentliche Vernehmung vor der Wahrheitskommission. "Es entstand das Bild einer nepotistischen, sich selbst bereichernden Gruppe von Leuten", heißt es im Abschlussbericht. Der Zweck ihres Projekts sei gewesen, "Individuen zu ermorden und ganze Bevölkerungsgruppen gesundheitlich zu schädigen, ja auszurotten." Basson hätte womöglich seinen Kopf aus der Schlinge ziehen können, wenn er vor der Kommission ein volles Geständnis abgelegt und Antrag auf Amnestie gestellt hätte. Doch er hält sich nicht nur für unschuldig, sondern auch für unantastbar.
Man kann sich vorstellen, daß es Leute gibt, die wenig Interesse daran haben, die wahre Geschichte des Project Coast öffentlich zu machen. Und es mehren sich die Zweifel, ob der Richter die Wahrheit überhaupt herausfinden will. Willie Hartzenberg ließ bereits 15 Anklagepunkte fallen, einen Antrag, wegen Befangenheit ausgetauscht zu werden, wehrte er erfolgreich ab. Wie die Karikatur eines Richters sitzt er auf seinem Sessel, man sieht nur den Kopf mit der schweren braunen Hornbrille, die Schulterpartie, die belehrende Hand, steif und hölzern. Wochen, Monate, Jahre hat er den Angeklagten beobachtet, und manche seiner Anmerkungen deuten darauf hin, daß er ihm allzu viel Verständnis entgegenbringt. Hat Basson nicht an vorderster Front für die gleichen Ziele gekämpft? Für die Bewahrung einer Enklave der europäischen Zivilisation im barbarischen Afrika?
Die Verteidiger zeigen ihre Verachtung für dieses Gerichtsverfahren ganz unverhohlen und ebenso für den neuen Staat, der sie bezahlt. Die Staatsanwälte scheinen in der opaken Welt des Doktor Basson ohnehin die Orientierung verloren zu haben, allein das Protokoll seiner Vernehmung umfasst 6000 Seiten. Hinter dem Chefankläger Ackermann liegen Aktenordner in wildem Durcheinander. Er stöhnt: "Ich kann Ihnen sagen, dieser Prozess ist eine langweilige Hölle."
"Lügen! Lügen! Lügen!", fährt Marlene Burger hoch. Das Centre for Conflict Resolutions, ein unabhängiges Institut der Universität Kapstadt, hat sie als Prozessbeobachterin nach Pretoria entsandt. "Ich bin völlig erschöpft. Man muss aufpassen, daß man hier nicht selber wahnsinnig wird." Wer ist dieser Wouter Basson? Die Frage hat sie sich tausendmal gestellt, aber sie fand keine Antwort. Ist er ein politischer Fanatiker? Auf keinen Fall. Haben ihn, wie die Mehrzahl der weißen Täter, rassistische Obsessionen getrieben, der lodernde Hass gegen die Schwarzen? Es deutet wenig darauf hin. Ist er ein vom Allmachtswahn besessener Mephistopheles? Auch das ist möglich. Aber es erklärt nicht seinen Hang zur Grausamkeit. "Basson ist ein gefährlicher Psychopath", befindet Marlene Burger. "Ich zweifle daran", fährt sie fort, "ob uns dieser Prozess der Wahrheit näher gebracht hat."
Im März wird voraussichtlich das Urteil gesprochen, aber niemand wagt eine Prognose. Immerhin hat der Prozess veranschaulicht, zu welchen Perversionen das weiße Regime fähig war und wie leicht es die internationalen Sanktionen unterlaufen konnte. Und in Wouter Basson spiegelt sich die Perfidie der Apartheid, des verstaatlichten Rassenwahns. Er wird stellvertretend für dieses System bestraft werden. Seine Vorgesetzten aber erfreuen sich fetter Pensionen und dürfen einem ruhigen Lebensabend entgegensehen.
Von Bartholomäus Grill
Süddeutsche Zeitung
06.11.2002
Böse Menschen behaupten, daß der Golf von Guinea die stinkende Achsel Afrikas ist. Denn hier, wo der Kontinent einen Bogen von Zentral- nach Westafrika macht, will keiner gerne hin, kein Matrose, kein Kapitän, kein Reisender, kein Diplomat. Am Golf von Guinea liegen nämlich besonders berüchtigte Länder. Der Hafen im nigerianischen Lagos zum Beispiel ist bei Seefahrern so verschrien, daß viele nur äußerst widerwillig ihre Ladungen an Land bringen. Kameruns Küstenstadt Douala ist ebenso voll von zwielichtigen Gestalten, oft sind es Beamte, die unverschämt hohe Bestechungsgelder fordern.
Und ein Land wie Äquatorialguinea gilt ohnehin als Hölle auf Erden. Hier herrscht seit 1979 uneingeschränkt der Despot Teodoro Obiang Nguema, der in einem einzigen Gerichtsverfahren schon mal 68 Oppositionelle zu Haftstrafen zwischen sechs und 20 Jahren verurteilen lässt, nachdem die Angeklagten ausführlich gefoltert wurden. Nguema und seine Verwandten, die alle wichtigen politischen Posten innehaben und auch alle Geschäfte kontrollieren, sind so korrupt, daß der Internationale Währungsfonds und die Weltbank seit acht Jahren ihre Hilfen ausgesetzt haben und das, obwohl die Bevölkerung des Landes immer noch zu den ärmsten der Welt zählt.
Weltrekord des Winzlings
Äquatorialguinea ist eines der traurigsten Beispiele, wenn es um die Frage geht, inwieweit Demokratie, Menschenrechte und Wirtschaftsreformen in Afrika Fuß gefasst haben. Doch Präsident Nguema kann das egal sein. Er wird sich auch in Zukunft nicht um Reformen bemühen, niemand wird ihn dazu drängen. Schon jetzt wird er von europäischen und amerikanischen Regierungsmitgliedern hofiert. Denn so unglaublich es klingen mag, Äquatorialguinea hat im vergangenen Jahr einen Weltrekord aufgestellt: Die Wirtschaft des Landes wuchs um 73 Prozent.
Das Wirtschaftswunder des winzigen Staates begann, als 1996 plötzlich Öl entdeckt wurde. Wie unerwartet dieser Fund war, den amerikanische Spezialisten machten, zeigt sich daran, daß erfolglose spanische und französische Ölsucher gerade abgezogen waren und selbst die USA kurz zuvor ihre Botschaft in Äquatorialguinea geschlossen hatten. Diese ist zwar bis heute nicht wiedereröffnet, doch amerikanische Ölkonzerne haben seitdem knapp fünf Milliarden Dollar in das Land investiert, so daß sich die Fördermenge inzwischen auf knapp eine halbe Million Barrel pro Tag erhöht hat. Als "Kuwait Afrikas" wird der zentralafrikanische Staat seitdem bezeichnet, da er nicht nur ähnlich winzig ist wie das arabische Land, sondern auch mindestens so ergiebig zu sein scheint und außerdem von den Herrschenden wie ihr Privatbesitz kontrolliert wird.
Doch Äquatorialguinea ist nur ein Beispiel für den neuen Ölboom in Afrika. Allein im vergangenen Jahr wurden vor der west- und zentralafrikanischen Küste Vorräte von insgesamt sieben Milliarden Barrel entdeckt. Fachleute gehen davon aus, daß allein im Golf von Guinea 60 Milliarden Barrel lagern, und auch andere Gegenden wie zum Beispiel Sudan, die Küste Angolas, Tschad oder das Horn von Afrika gelten als erfolgversprechend.
Der Hauptinteressent an diesen Vorräten sind die Vereinigten Staaten. Schon heute beziehen die USA 15 Prozent ihrer Ölimporte aus Afrika, vor allem aus Nigeria und Angola, bis 2015 soll sich dieser Anteil auf 25 Prozent erhöhen. Der US-Konzern Chevron Texaco will in den nächsten fünf Jahren seine Investitionen von derzeit fünf auf 20 Milliarden Dollar steigern und auch Shell will seine Öl- und Gasproduktion im gleichen Zeitraum verdoppeln. So ist es nicht verwunderlich, dass beim derzeit größten Investitionsprojekt in Afrika, der 1000 Kilometer langen Öl-Pipeline von Tschad nach Kamerun, die Amerikaner das Sagen haben. Unter der Führung von Exxon Mobil investierten mehrere Konzerne etwa vier Milliarden Dollar, damit von 2004 an die Ölreserven des Tschad an die Küste Kameruns fließen können. Von dort aus ist es nur noch ein relativ kurzer Seeweg, den die Tanker in die USA zurücklegen müssen. Es gibt sogar Überlegungen, einen US-Militärstützpunkt im Golf von Guinea zu errichten, auf den Inseln Sao Tome e Principe. Das wird zwar von den Amerikanern dementiert, die Regierung des kleinen Staates hat aber vor einiger Zeit ein solches Abkommen verkündet. Die USA hingegen sprechen lediglich von "logistischer Unterstützung" mit Schiffen für die Küstenwacht.
Über den größten Vorteil aber, den Afrika für die USA hat, wird derzeit nur mit diplomatischer Zurückhaltung gesprochen: "Zweifellos hat afrikanisches Erdöl für uns nationale strategische Bedeutung, und diese wird noch steigen", sagte der Afrika-Verantwortliche im US-Außenministerium, Walter Kansteiner, der vor kurzem Gabun und Sao Tome e Principe besucht hat. Damit deutete er an, daß sich die USA, die zwei Drittel ihres Ölbedarfs importieren müssen, nach neuen Quellen umschauen. Denn mit einem Krieg gegen den Irak droht den Amerikanern auch Ärger mit Saudi-Arabien, dem größten Erdölproduzenten der Welt. Die afrikanischen Länder hingegen könnten die USA aus dieser politischen Abhängigkeit zumindest ein wenig befreien. Denn hier wird das Öl, so wie es der Chef des Afrika-Ausschusses im US- Repräsentantenhaus, Ed Royce, nannte, nicht als "politische Waffe" eingesetzt.
Es gibt noch mehr Vorteile. Mit dem verstärkten Engagement in Afrika könnten die USA auch die OPEC schwächen, denn diesem Ölkartell gehört kein einziges Land südlich der Sahara an, mit Ausnahme Nigerias, und das spekuliert schon lange, aus dieser Organisation auszutreten. Somit können die afrikanischen Länder soviel Öl fördern wie sie wollen und das wird mittelfristig auch den Weltmarktpreis beeinflussen.
Au§erdem glaubt derzeit niemand daran, daß sich die afrikanischen Staaten zusammenschließen werden, um ein ähnliches Ölkartell wie die OPEC zu bilden, dafür sind die einzelnen Länder viel zu zerstritten. So kämpfen zum Beispiel Nigeria und Kamerun seit Jahren um ein kleines, aber sehr ölreiches Stück Grenzland, die sogenannte Bakassi-Halbinsel. Mehr als 80 Menschen wurden in diesem Konflikt schon getötet, und selbst jetzt, nachdem der Internationale Gerichtshof in Den Haag das Gebiet Kamerun zusprach, drohen weitere Kämpfe, denn Nigerias Präsident Olusegun Obasanjo hat verkündet, er werde dieses Urteil nicht akzeptieren.
Einladung ins Weiße Haus
Wie wichtig die neuen Öl-Partner in Afrika geworden sind, zeigt das Verhalten der US-Regierung. Bei seinem Amtsantritt sagte George W. Bush, daß der Kontinent sicher nicht zu den Prioritäten seiner Außenpolitik gehöre. Inzwischen hat er eine Kehrtwende gemacht. Außenminister Colin Powell besuchte im September Angola und Gabun, Bush lud schon mehrere afrikanische Präsidenten, in deren Ländern es Öl gibt, ins Weiße Haus ein, und Anfang nächsten Jahres wird er persönlich den Kontinent bereisen.
Zumindest in der Ausbeutung des Rohöls scheint sich also eine neue Beziehung zwischen den USA und Afrika anzubahnen. Es steht aber jetzt schon fest, daß die Menschen in Afrika nicht viel vom neuen Reichtum abbekommen werden. Der Tschad zum Beispiel investierte die ersten Öl-Einnahmen in Waffen, in Angola sind im vergangenen Jahr etwa eine Milliarde Dollar aus dem Staatshaushalt verschwunden, und in Nigeria machen die multinationalen Konzerne Rekordgewinne, während die staatliche Ölgesellschaft, die 60 Prozent aller Einnahmen bekommt, behauptet, sie sei pleite.
In Äquatorialguinea hingegen kann man sehen, wo Herrscher Nguema und seine Verwandten das viele Geld investieren. So hat sich der Staatschef einen riesigen Präsidentenflügel am ansonsten winzigen Flughafen gebaut und außerdem ein internationales Konferenzzentrum. Als er dieses einweihen wollte, stellte er aber fest, daß es in seinem bettelarmen Land keine Unterkünfte für die erwarteten afrikanischen Würdenträger gibt. Also baute er auch noch siebzehn edle Villen, in denen die Gäste während der Eröffnungsfeier nächtigen konnten.
Von Michael Bitala
Le Monde
15.11.2002
Der Völkermord in Ruanda von 1994 war eine politische und humanitäre Katastrophe. Danach hat die französische Regierung jegliches weitere militärische Engagement in Afrika aufgegeben. Man beschränkte sich auf die gezielte Unterstützung der Friedenstruppen vor Ort.
Gelegentlich wurden französische Staatsbürger gerettet, wie etwa 1997, als sie nach der Einnahme Kinshasas durch die Rebellen von den Ufern des Kongo evakuiert wurden, oder später während des Bürgerkriegs, als sie Brazzaville verlassen konnten.
Die neue Haltung Frankreichs, das zuvor als einzige der früheren Kolonialmächte nicht auf die Stationierung von Truppen in Afrika verzichten wollte, brachte der sozialistische Ministerpräsident Lionel Jospin 1997 auf die Formel: "Weder Gleichgültigkeit noch Einmischung".
Als Präsident Konan Bédié Ende 1999 durch den so genannten Weihnachtsputsch entmachtet wurde, weigerte sich die französische Regierung gegen den erklärten Willen von Staatspräsident Chirac, Militär in die Elfenbeinküste zu entsenden. Diese Entscheidung löste in Frankreichs alter Einflusszone ein wahres Erdbeben aus. Nicht nur die "Dinosaurier", die auf ewig bestallten Staatschefs im frankophonen "Delta" Afrikas, brachten wenig Verständnis für diese Entscheidung auf: Auch ein führender Vertreter der französischen Streitkräfte meinte damals: "Im Namen der Sicherheit der dort lebenden Franzosen hätte man die Ordnung wiederherstellen und Bédié wieder an die Macht bringen sollen."
Am 23. September 2002 erklärte Oberst Charles de Kersabiec, der Kommandeur des 43. Marineinfanteriebataillons, das gerade auf den Flughafen von Yamoussoukro in der Elfenbeinküste vorgerückt war, daß sich das französische Militär auf keinen Fall in einen Konflikt einmischen wolle, der "ausschließlich Gegner in der Elfenbeinküste" betreffe. Noch eine Woche zuvor, nachdem die Rebellen Bouaké, die zweitgrößte Stadt des Landes, erobert hatten und 2.100 Ausländer (vor allem Franzosen und Amerikaner) evakuiert werden mussten, hatten sich die französischen Soldaten hingegen keineswegs zurückgezogen, sondern die Gegend um die Hauptstadt Yamoussoukro militärisch gesichert.
Frankreich war damit zwischen die Fronten geraten und musste sich Vorwürfe sowohl von den Rebellen in Bouaké wie von den "Patrioten" in Abidjan anhören. Ein französischer Oberst vor Ort meinte dazu Anfang Oktober: "Wenn die Rebellen hier einfallen, werde ich sie aufhalten." Zur gleichen Zeit gab ein Führer der Aufständischen seiner Verärgerung Ausdruck: "Die Franzosen machen uns unnötige Probleme, weil sie als Schutztruppe auftreten. Sie hindern uns am Vormarsch, wir könnten längst in Abidjan sein." Tatsächlich hat sich eine klassische Evakuierungsmaßnahme nach dem "Putsch ohne Gesicht" zu einer gezielten Militärintervention entwickelt, an der etwa tausend französische Fallschirmjäger, Marineinfanteristen und Fremdenlegionäre beteiligt waren.
Offiziell dient diese Mission der Verhinderung von Kampfhandlungen so lange, bis die, nicht unumstrittene, Friedenstruppe der Wirtschaftsgemeinschaft Westafrikanischer Staaten (Ecowas), einer Neuauflage der Ecomog, stationiert sein wird. Tatsächlich dürfte es wohl eher darum gehen, Abidjan, den Süden und die wirtschaftlich wichtigen Gebiete des Landes zu schützen, den Vormarsch der Rebellen aufzuhalten und die Front so lange "einzufrieren", bis sich die ivorischen Regierungstruppen wieder formiert haben, womit bis auf weiteres die faktische Teilung des Staatsgebiets in Kauf genommen wird.
Daß sich die Ziele der "Operation Licorne" in dieser Weise verschoben haben, zeigt einmal mehr, wie schmal der Grat zwischen den so genannten humanitären Einsätzen und jenen Interventionen ist, die letztlich doch nur eine der Krieg führenden Parteien stützen. Bis zu dem katastrophalen militärischen Abenteuer in Ruanda Mitte der 90er-Jahre war es bei Frankreichs Einsätzen im angestammten Einflussgebiet in den meisten Fällen um Unterstützung für befreundete Machthaber gegangen. Oft unter durchaus fragwürdigen Umständen: etwa bei der brutalen "Säuberung" der Bamileke-Siedlungsgebiete in Kamerun Anfang der 1960er-Jahre, bei den wiederholten Interventionen im Tschad gegen den Vormarsch der Rebellen aus dem Norden, in den 1970er-Jahren bei einer Reihe von Fallschirmjägereinsätzen in den Bergbaugebieten des damaligen Zaire oder 1990 beim Einmarsch in Gabun.
Hinzu kam die Unterstützung profranzösischer Söldnertruppen in Angola, Guinea, Benin und auf den Komoren. Offiziell waren diese Einsätze gedeckt durch Verteidigungsabkommen mit sieben Staaten und Verträge über militärische Zusammenarbeit mit 25 Staaten. Frankreich unterhält fünf Truppenstützpunkte, führt zusammen mit den örtlichen Streitkräften etwa 15 gemeinsame Manöver im Jahr durch und steuert etwa 250-mal jährlich mit französischen Kriegsschiffen afrikanische Häfen an.
Auf Drängen der Regierung, die in Abidjan sitzt, hat sich Paris, wenn auch nach zehntägigem Zögern, einmal mehr entschlossen, der regulären Armee der Elfenbeinküste beizustehen, und zwar in den Bereichen Fernmeldewesen, Truppentransport und Nachschub. Auf das Verteidigungsabkommen zwischen den beiden Ländern wollte man sich nicht beziehen, es sieht Militärhilfe nur im Fall der "Aggression von außen" vor.
Offiziell handelt es sich um eine begrenzte "logistische" Unterstützung im Rahmen der "normalen" militärischen Zusammenarbeit. Frankreich riskiert dabei allerdings, noch weiter in den Konflikt verwickelt zu werden. Dem ivorischen Oberkommando hat die Hilfe Rückendeckung und neue Zuversicht verschafft. "Frankreich lässt uns nicht im Stich", erklärte der Verteidigungsminister der Elfenbeinküste, kurz bevor er gefeuert wurde. In den meisten Zeitungen des Landes titelte man: "Paris hält zu Gbagbo".
Frankreich sorgte für den Schutz und die Evakuierung von afrikanischen Diplomaten und Offizieren der "Kontaktgruppe" Ecowas und übernahm auf Bitten des ivorischen Präsidenten auch die Überwachung des am 17. Oktober geschlossenen Waffenstillstands. Damit hatte die frühere Kolonialmacht genau die Rolle übernommen, der sie sich immer entziehen wollte, die des Vermittlers zwischen den kampfentschlossenen Regierungsstreitkräften ("Wir müssen unsere Truppen nur neu formieren") und den Rebellen, die nicht zur Aufgabe bereit sind ("Wir haben Gbagbo nie getraut").
Aus französischer Sicht gab es eine ganze Reihe von Gründen, die für ein Eingreifen sprachen. Zunächst die Befürchtung, das einstige "Schaufenster" des frankophonen Westafrika könne sich in einen Scherbenhaufen verwandeln, mit unabsehbaren Folgen für die Stabilität in der Region. Zum anderen fühlte man sich unter Druck, weil die USA erstmals Spezialeinheiten in die Region entsandt und damit deutlich gemacht hatten, daß sie Frankreich nicht länger uneingeschränkt vertrauten. Außerdem hatte sich nigerianisches und sogar angolanisches Militär in den Konflikt eingemischt, in dem bereits zahllose Waffenhändler, Söldner, Geheimagenten und diverse Milizen aus den Bürgerkriegen in Liberia und Sierra Leone ihr Unwesen trieben. Und nicht zuletzt ging es darum, ein Zeichen zu setzen und alle anderen "befreundeten" Regime in Afrika vorsorglich zu beruhigen.
Ein interventionistischer Kurs der französischen Afrikapolitik dürfte allerdings auf das Problem stoßen, daß die öffentliche Meinung in den betroffenen Ländern weniger denn je für ausländische militärische Eingriffe zu gewinnen ist. Auch fehlt dem französischen Militär auf dem schwarzen Kontinent inzwischen jene Erfahrung, die einst ihre Stärke ausgemacht hat. Heute gehören die meisten der in Afrika stationierten Soldaten zu den regulären Truppen Frankreichs, sie werden alle vier Monate abgelöst und verlassen nur selten ihre Kasernen. Die militärische Führung ist seit Jahren mit der "Professionalisierung" der Armee und ihrer "Öffnung nach Osten" beschäftigt. Sie hat unter den Regierungen den Linken, von 1981 bis 2002, auch die Lektion gelernt, daß Auslandseinsätze bei der französischen Öffentlichkeit nicht sehr beliebt sind. Vom Enthusiasmus für die "Waffenbrüderschaften", wie sie am Beginn der Fünften Republik gepflegt wurden, ist nichts mehr zu spüren.
Seit 1998 sind die Haushaltsmittel für Auslandseinsätze und die Stationierung von Militär in Übersee um ein Drittel gekürzt worden. In der Zentralafrikanischen Republik wurden die Stützpunkte Bangui und Bouar geschlossen, im Tschad ging die Zahl der Militärberater innerhalb der letzten zehn Jahre auf ein Sechstel zurück; und Dschibuti, lange Zeit eine Domäne des französischen Militärs, verlangt inzwischen eine Änderung der Verteidigungsabkommen mit Frankreich und hat sich US-amerikanische und deutsche Soldaten ins Land geholt.
Abgesehen von Kamerun (1975) und den Komoren (1981) stammen die übrigen sechs Verteidigungsabkommen mit afrikanischen Staaten aus der Zeit der "Communauté Française", dem letzten Versuch Frankreichs Ende der 1960er-Jahre, die früheren Kolonien institutionell einzubinden. Diese Verträge, mit zahlreichen Geheimklauseln bezüglich der Aufrechterhaltung der inneren Ordnung, wurden kaum revidiert, in einzelnen Fällen aufgekündigt (1973 von Madagaskar) und gelten heute als unwirksam.
Der Verteidigungsausschuss des französischen Parlaments forderte im Jahr 2000, Militärbündnisse und Auslandseinsätze mit Beteiligung französischer Truppen der Kontrolle eines "parlamentarischen Gremiums mit Befugnissen in Verteidigungsfragen" zu unterstellen.
Zu einer solchen Regelung kam es dann doch nicht, und so wurde dem Parlament zwar im Oktober 2002 eine Debatte über die Irakkrise "gestattet", zur "Operation Licorne" in der Elfenbeinküste oder auch zur Regierungspolitik während der politischen und militärischen Krise auf Madagaskar in der ersten Jahreshälfte 2002 konnten sich die Volksvertreter allerdings nicht äußern.
Um jeden Gedanken an eine "Abkehr" vom afrikanischen Kontinent zu zerstreuen, hält das französische Militär vor allem am neuen System der Unterstützung der afrikanischen Friedenstruppen Recamp (Renforcement des capacités africaines de maintien de la paix) fest, auf das immerhin ein Fünftel des Budgets für die militärische Zusammenarbeit entfällt. Seit 1996 hat es drei Ausbildungsphasen von je zwei Jahren für die Armeen West-, Zentral- und jüngst auch Ostafrikas gegeben (dazu zählten Manöver im Senegal, in Gabun und Tansania). In jeder dieser Großregionen soll eine Art Blauhelmtruppe in Bataillonsstärke aufgestellt werden, mit Versorgungsstützpunkten in Dakar, Libreville und Dschibuti. Ergänzend sind regionale Zentren für militärische Sonderausbildung eingerichtet worden, etwa die "Schule der Friedenssoldaten" in Zambrakro (Elfenbeinküste).
Der französischen Armee verschafft dieses Projekt eine symbolische Entlastung: Es ist multilateral angelegt, steht unter der Schirmherrschaft von Vereinten Nationen und Afrikanischer Union und fügt sich in das Konzept, daß regionale Sicherheitsfragen künftig von den Afrikanern selbst zu lösen seien. Wie die Krise in der Elfenbeinküste zeigt, funktioniert das Ganze aber noch nicht. Sechs Wochen nach Ausbruch der Feindseligkeiten war noch kein einziger afrikanischer "Friedenssoldat" vor Ort und Frankreich erneuerte das Band mit den alten Kriegskameraden und schickte 1.500 Soldaten in ein gefährliches Abenteuer.
Von PHILIPPE LEYMARIE
Journalist, Radio France Internationale
dt. Edgar Peinelt
Süddeutsche Zeitung
21.02.2003
Robert Mugabe hat mit seinem Auftritt beim Gipfeltreffen in Paris alte Rivalitäten zwischen Frankreich und Großbritannien von neuem belebt. Zwar liegt der koloniale Wettlauf um die Aufteilung Afrikas schon mehr als ein Jahrhundert zurück. Doch das Erbe imperialer Verstrickung wirkt bis heute nach – und hemmt alle Anstrengungen, eine schlüssige und wirkungsvolle europäische Afrikapolitik zu entwerfen. Der Zwist um Mugabe offenbart, daß nicht die EU als außenpolitischer Akteur Boden gewinnt, sondern daß die ehemaligen Kolonialmächte Frankreich und Großbritannien nach wie vor in den Kategorien nationaler Einflusssphären denken und agieren. Sie setzen gern auf Alleingänge, wenn es gilt, strategische und ökonomische Interessen in Afrika zu sichern.
Auch Portugal hat sich als Quertreiber erwiesen. Ursprünglich war im April ein großer europäisch-afrikanischer Gipfel in Lissabon geplant, doch der ist geplatzt, weil die Portugiesen genau wie die Franzosen forderten, daß Mugabe teilnehmen solle. Weil der Streit nicht zu lösen war, hat man das Treffen auf unbestimmte Zeit verschoben. Die Vorteile, die eine gemeinsame Afrika-Strategie bringen könnte, sind zwar offenkundig. "Zusammen wäre die Hebelwirkung der Europäer viel stärker", sagt Andreas Mehler, Leiter des Instituts für Afrikakunde in Hamburg. Vor allem, wenn es um die Prävention und Entschärfung regionaler Konflikte geht oder die Wahrung der Menschenrechte. Doch vor allem die Kluft zwischen London und Paris machen eine gemeinsame Stoßrichtung unmöglich. Frankreich hat mit seiner Einladung an Mugabe die europäische Sanktionspolitik in Simbabwe unterlaufen und damit besonders die Briten getroffen, die den Machthaber in Harare weiter isolieren wollen. Die Schmach für Tony Blair rächen indes die englischen Massenblätter, die schon seit Tagen gegen die Franzosen und ihren Präsidenten zu Felde ziehen, und das in seltener Dreistigkeit. Die Sun etwa schmähte Chirac als "schleimigen Wurm" der dem "Monster" Mugabe den roten Teppich ausrolle.
Der Streit um Simbabwe offenbart jedoch mehr als die Kluft zwischen Paris und London. Er zeigt, daß Europa, wie Afrika-Experte Mehler sagt, zu keiner schlüssigen politischen Linie auf dem Krisen-Kontinent gefunden hat. Vielmehr scheinen sich die Europäer so sehr an Robert Mugabe und dessen brutalem Regime festzubeißen, daß sich andere zwielichtige Staaten leicht wegducken können und keinen Druck zu spüren bekommen. Ein treffendes Beispiel ist das Land Burkina Faso mit seinem Präsidenten Blaise Compoaré. Der Staat hat zwar manchen Erfolg in der Armutsbekämpfung vorzuweisen, spielt aber eine äußerst unheilvolle Rolle als Brandstifter in Westafrika. Schon im Konflikt in Sierra Leone diente das Land als Rückzugsbasis und als Trainingscamp für die Rebellen der RUF, die die Welt durch Verstümmelung tausender Zivilisten schockierten. Und auch der Krieg in der Elfenbeinküste hätte wohl kaum derart eskalieren können, wenn die Rebellen nicht vom Nachbarland aus munitioniert worden wären.
Für die Europäer scheint all dies kein Thema zu sein. Das Regime bleibt unbehelligt, während man Simbabwe zugleich mit Sanktionen belegt. "Stimmig ist das nicht", sagt Mehler. Wenn es um die Eindämmung von Konflikten geht, besetzen ohnehin die früheren Kolonialmächte das Feld. So intervenierten die Briten in Sierra Leone, die Franzosen in der Elfenbeinküste. Europa spielt dabei keine Rolle. Allerdings wächst der EU größere Bedeutung bei der Vergabe von Entwicklungshilfe in Afrika zu, sie wacht über mehr als zwei Milliarden Euro jährlich. Hilfsorganisationen klagen jedoch, daß die Auszahlung von Milliarden Euro in Brüssel sträflich verschleppt werde. "Wir unterstützen multilaterale Ansätze, aber die EU-Hilfe für Afrika scheitert an ihrer eigenen Bürokratie", sagt Ulrich Post, Vertreter der Welthungerhilfe.
Michael Curtis, Sprecher des Brüsseler Entwicklungshilfe-Kommisars Poul Nielson, sagt dazu, die Kommission habe "diese Schwierigkeiten erkannt" und die nötigen Schritte eingeleitet, um "eine schnellere und bessere Auszahlung der Hilfe" zu ermöglichen. Nach seinen Angaben sind EU–Mittel in Höhe von 11,4 Milliarden Euro noch nicht ausgezahlt. Zum Teil liege das daran, daß die Kooperation mit manchen Ländern ausgesetzt wurde. Zum anderen seien die bürokratischen Hürden von den europäischen Regierungen mit zu verantworten. Denn über jeden Auszahlungsbetrag, der über zwei Millionen Euro liegt, muss ein Komitee der Mitgliedsländer entscheiden.
Von Arne Perras
taz
21.02.2003
Die afrikanischen Diktatoren, die derzeit anlässlich des franko-afrikanischen Gipfels in Paris weilen, können sich entspannen. Der Präsident der Zentralafrikanischen Republik wurde beim Internationalen Strafgerichtshof verklagt? Egal, er wird freundschaftlich empfangen. Gegen den Präsidenten von Simbabwe bestehen EU-Reisesanktionen? Egal, seine Entourage darf sogar zum Einkaufen mitkommen. Dem Präsidenten von Sudan wird vorgeworfen, Menschenrechte zu missachten? Egal, Jacques Chirac geleitet ihn zum vertraulichen Zweiergespräch. Und wenn Menschenrechtler demonstrieren, werden sie eben festgenommen.
Hier zeigt sich ein ganz altes Afrika - und Gastgeber ist ein ganz altes Europa. Unter Premierminister Lionel Jospin gab es immerhin den Versuch, aus verkrusteten Freundschaften auszubrechen und auf afrikanische Demokraten nicht immer nur allergisch zu reagieren. Heute ist wieder Nostalgie für die alten Tage angesagt, als afrikanische Politik noch in Paris gemacht wurde. Sicherlich ist es gut, daß Frankreich sich nach Jahren sträflicher Vernachlässigung endlich wieder für den Kontinent interessiert, in dem es bis heute erhebliche Wirtschaftsinteressen hat und einen immensen kulturellen und politischen Einfluss ausübt. Aber es ist nicht zu erkennen, daß dies Afrika sonderlich nützt. Wie kommt es, daß die massive französische Intervention in der Elfenbeinküste, mit 3.000 Soldaten und einer gigantischen Friedenskonferenz, dem Land keinen Frieden gebracht, sondern den Krieg verlängert hat? Wieso gibt es in letzter Zeit immer mehr Konflikte in Ländern unter französischem Einfluss, von Madagaskar bis zur Zentralafrikanischen Republik?
Es gibt andere Möglichkeiten europäisch-afrikanischer Partnerschaft. Man kann Prozesse der Demokratisierung stützen, Opfern von Unterdrückung helfen, Strukturen der lokalen Entwicklung stärken. Man kann gegen Straflosigkeit und Kriegsherrentum eintreten und die Verantwortlichen dafür isolieren. "Neue Partnerschaft" lautet ja schließlich das Motto des Pariser Gipfels. Aber es ist nichts Neues im Angebot."
Von DOMINIC JOHNSON
Süddeutsche Zeitung
07.03.2003
Gerüchteweise gehörten einige Gegenden Afrikas früher mal zu Frankreich. Wie es da so zuging? Das Geschichtsbuch für die französische Oberstufe aus dem Verlag Hachette, Ausgabe von 1999, handelt die Kolonialgeschichte immer noch als erfreulich konstruktives Miteinander ab, ein Bild nur ist zu sehen, und das zeigt "eingeborene" Schülerjungen, die 1860 andächtig ihrem Lehrer lauschen. Es muss eine fruchtbare Zeit gewesen sein für Afrika. Es muss auch ein fruchtbares Treffen gewesen sein, das 52 Repräsentanten aller afrikanischer Staten vor zwei Wochen nach Paris führte.
Auf dem Klassenfoto jedenfalls, das am Ende dieses "französisch- afrikanischen Gipfeltreffens" stand, erinnert Chirac an den schulbuchhaften Missionar. Er steht da inmitten all seiner Schüler, die er um Haupteslänge überragt, und scheint gütig in die Runde zu fragen, ob denn noch einer der Racker Kakao wolle. Dazu passend verteilte er während des Treffens strenge Noten an die afrikanischen Staatsoberhäupter, sprach von Machtmissbrauch und drohte vereinzelt mit dem Internationalen Gerichtshof, versprach aber auch Belohnungen. Die französische Entwicklungshilfe soll ab sofort angehoben werden.
Noch so ein kompliziertes Kapitel, noch ein paar merkwürdige Bilder. Diesmal aus Algerien. Irgendwie war da mal Krieg. Im Schulbuch von Hachette gibt es dazu keine Auskünfte, nur ein Bild, auf dem gezeigt wird, wie sich der Emir Abd el-Kader 1847 den französischen "Befreiern" ergibt. Linkerhand stehen einige Uniformierte, rechterhand ein paar Scheichs, man scheint zu plaudern unter Palmen. Chirac war vor vierzig Jahren schon mal in der Gegend, es gibt Fotos, die ihn als schlaksigen Unterleutnant vor einem Militärlaster zeigen. 14 Monate hat er gekämpft im Unabhängigkeitskrieg, la guerre sans nom, wie er in Frankreich hieß, weil es ihn offiziell nicht gab. Chirac hat eine wunderbare Zeit dort unten verlebt: "Ich hatte die Verantwortung für das Leben meiner Männer. Deshalb habe ich später nie mehr so deutlich das Bewusstsein gehabt zu befehlen."
Als er jetzt zum ersten Besuch eines französischen Staatspräsidenten nach Algerien kam, wurde er empfangen wie in umgekehrter Richtung die Stars des algerischen Rai-Pop in Paris gefeiert werden: jubelnde Massen, blumenwedelnde Mädchen am Straßenrand und der kleine dicke algerische Präsident Abdelaziz Bouteflika tölpelt neben ihm her wie ein Bodyguard. Bouteflika war so stolz, daß er seinen großen Gast durchs Land führen durfte, daß er Chirac für den Friedensnobelpreis vorschlug, "im Namen der arabischen Völker und aller Afrikaner, ja im Namen aller Völker, selbst dem Volk der Amerikaner!"
Noch zwei Bilder: Das eine zeigt einen Atompilz, aufgenommen in der Südsee; Jacques Chirac war gerade zum ersten Mal Präsident geworden und seine erste größere Entscheidung war die Wiederaufnahme französischer Atomversuche "zur Sicherung unserer Unabhängigkeit". Das musikalische Weltgewissen, der U2- Sänger Bono, bezeichnete ihn damals als durchgedreht. Das andere Bild zeigt Bono und Chirac vergangene Woche im Elyseepalast beim Wettschulterklopfen, Chirac ernennt seinen "lieben Freund" und Mitaspiranten um den Friedensnobelpreis zum "Ritter der französischen Ehrenlegion", Bono ernennt ihn dafür im Gegenzug zur wichtigsten Stimme des Friedens.
Jacques Chirac ist auf dem Gipfel seines Ruhmes. Er verspricht, Afrika neu zu ordnen, knüpft an de Gaulles politique arabe an und ist zum wichtigsten Widerpart der amerikanischen Irakpolitik geworden. Er befriedigt die koloniale Nostalgie seiner Landsleute und zum Dank dafür, daß er La Nation auf dem internationalen Parkett wieder Grande macht, vergisst die Nation all seine Fehler. Sogar die Chefin der kommunistischen Partei Frankreichs, Marie-George Buffet seufzt: "Er ist die Ehre Frankreichs."
Chirac die Ehre Frankreichs – das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Nachdem er zum ersten Mal zum Präsidenten gewählt wurde, einigten sich die Franzosen schnell darauf, daß dieser tollpatschige Tropf ein "Erreur de casting", eine Fehlbesetzung sei. Claude Chabrol schrieb, der Mann erinnere ihn in seiner Ungeschicklichkeit "an Don Quichotte, wie er vom Pferd fällt". Chirac schien alle Hände voll damit zu tun zu haben, auch ja kein Fettnäpfchen auszulassen und galt als "Chamäleon Bonaparte", als Opportunist und Lügner, dessen einzige Chance, dem Staatsanwalt zu entkommen, darin bestand, Präsident zu bleiben. Seit er aber im Mai mit 82 Prozent der Stimmen wiedergewählt wurde, wirkt er wie ausgewechselt. Plötzlich ist er da, wo Helmut Kohl nach dem Mauerfall war. Er wurde durch ein außenpolitisches Ereignis von einer belächelten Witzfigur zum vielleicht wichtigsten Staatsmann Europas, von der Fehlbesetzung zum Weltstar: "Er saust mit voller Geschwindigkeit übers Spielfeld", spottete einst ein Freund, "aber ohne Ball". Nun ist er der Libero auf allen Spielfeldern der Politik.
Er, der im Wahlkampf 1998 sagte, er verstehe alle Landsleute, die genug haben von den "als Parasiten des französischen Sozialsystems" im Land lebenden "lärmenden und stinkenden Ausländern", scheint sich ernsthaft daran zu machen, die algerisch-französischen Beziehungen zu reparieren. Daß sich die in Frankreich lebenden Algerier gerade in seiner Regierungszeit als Bürger zweiter Klasse fühlten, ging in dem Jubel unter. Er, der sich mit den Atomversuchen – die ihm den Spitznamen Hirochirac einbrachten – ins weltpolitische Abseits bombte, findet sich an der Spitze der Antikriegsdemonstranten wieder. Er, der nach seiner Wahl 1998 als einen seiner ersten Gäste den brasilianischen Staatschef empfing und freudestrahlend als "Präsidenten Mexikos" willkommen hieß, schiebt in der Irak-Krise viele seiner Kollegen übers diplomatische Parkett, wie es ihm passt. Als er vor ein paar Tagen mit Gerhard Schröder in Berlin vor den Kameras stand, wollte Schröder ihm zum Abschied den Arm auf den Rücken legen, um zu zeigen, wer hier wem den Weg weist. Chirac blieb stehen, legte seinerseits eisern lächelnd den Arm um Schröder und schob ihn vor sich her ins Dunkel.
Von ALEX RÜHLE
Süddeutsche Zeitung
11.03.2003
Daß die Länder Guinea, Kamerun und Angola einmal im Brennpunkt der Weltöffentlichkeit stehen würden, das hätte vor der Irak-Krise niemand gedacht. Doch nun hat ein Wettlauf um die Gunst der Afrikaner begonnen, die alle drei einen Sitz im UN-Sicherheitsrat haben. Hochrangige Emissäre aus Frankreich, Großbritannien und den USA fordern in Conakry, Jaunde und Luanda Unterstützung für ihre Irak-Politik ein. Frankreichs Außenminister Dominique de Villepin ist unterwegs, um die Afrikaner hinter seinen Anti-Kriegskurs zu bringen. Und Präsident Jacques Chirac hat noch einmal mit allen drei Regierungschefs telefoniert. Paris setzt vor allem auf die psychologische Komponente, Chirac betont gerne, daß sein Land eine völlig "neue Partnerschaft" mit Afrika anstrebe.
Doch auch London und Washington intervenieren massiv. Valerie Amos, Beauftragte des britischen Foreign Office, unternimmt eine Afrika-Tour, um Unterstützung für die amerikanisch-britische Kriegs-Position zu gewinnen. Und der Afrika-Beauftragte Washingtons, Walter Kansteiner, war schon vor einigen Tagen in der Region unterwegs, um dort das ganze Gewicht der Supermacht diplomatisch auszuspielen.
Dabei wird auf allen Seiten mit Lockungen und Drohungen gearbeitet. Widersprüchliche Signale der umworbenen Regierungen machen es jedoch schwer, deren endgültige Position zu kalkulieren. Beispiel Angola: Während der stellvertretende Außenminister jüngst erklärte, sein Land werde nicht mit den USA stimmen, äußerten Diplomaten die Einschätzung, daß die Unterstützung Luandas für die USA sicher sei. Der Einfluss Washingtons ist erheblich, nicht nur weil amerikanische Konzerne einen Großteil der Erdölvorkommen des Landes ausbeuten. Die Regierung von Präsident Eduardo dos Santos hatte es letztlich amerikanischer Militär- und Aufklärungshilfe zu verdanken, daß die Armee den Rebellenführer Jonas Savimbi stellen und töten konnte. "Das verpflichtet", sagt ein europäischer Diplomat. Frankreich hingegen hat in der ehemaligen portugiesischen Kolonie Angola keinen Einfluss.
Ganz anders ist die Lage in Kamerun, wo die ehemalige Kolonialmacht Frankreich noch immer tief verwurzelt ist. Die Entwicklungshilfe aus Paris überstieg dort die Unterstützung aus den USA in den vergangenen Jahren zum Teil um das 60-fache. Im Öl- und im Holzgeschäft spielen französische Firmen eine zentrale Rolle. Kameruns Präsident Paul Biya bekundete schon beim afrikanisch-französischen Gipfel in Paris seine "völlige Übereinstimmung" mit der Politik von Jaques Chirac. Für die USA dürfte es also schwer werden, das Land noch auf ihre Seite zu ziehen.
Völlig unberechenbar erscheint die Position Guineas, ein Land, das seit seiner Unabhängigkeit keine besonders guten Beziehungen zu Frankreich pflegt, aber andererseits gerne in die afrikanische Franc-Zone aufgenommen werden will. Die USA haben das Land massiv militärisch gegen Kräfte des liberianischen Präsidenten Charles Taylor unterstützt und zahlten zeitweise sogar mehr Entwicklungshilfe als Paris. Doch niemand weiß, wer in Guinea derzeit politische Entscheidungen trifft, denn Präsident Lansana Conté liegt im Sterben.
Neben den drei afrikanischen Staaten bekommen auch Chile und Mexiko besonderen Druck aus den USA zu spüren. Beide Staaten wollten bis zuletzt den UN-Inspekteuren mehr Zeit geben. Mexiko teilt mit dem nördlichen Nachbarn eine lange Grenze und bemüht sich seit einiger Zeit erfolglos um ein Immigrations- Abkommen. Der US-Präsident rief seinen mexikanischen Kollegen jüngst mehrfach an, auch ist sein Vater dieser Tage auf Besuch im südlichen Nachbarland. Am Ende könnten amerikanische Angebote Mexiko doch noch weich kochen. Chiles Präsident Ricardo Lagos sagte hingegen nach einem Telefonat mit Bush, er sei weiterhin gegen eine uneingeschränkte Unterstützung Washingtons. Seine Regierung werde davon keine Nachteile haben.
Von allen sechs Ländern, deren Position im Sicherheitsrat noch als offen gilt, steht Pakistans Machthaber Pervez Musharraf wohl unter dem größten Druck. Washington versucht, dem General eine Ja-Stimme für die Kriegsresolution abzuringen. Und Musharraf weiß, daß er nicht nur wirtschaftlich am Tropf der Amerikaner hängt. Kommt es zu einem Krieg mit Indien, ist Washington die einzige Lebensversicherung für das Regime in Islamabad. Denn nur die Bush-Regierung ist in der Lage, den Zorn in Delhi zu zähmen, wenn der Streit um Kaschmir eskaliert. Andererseits formiert sich in der pakistanischen Bevölkerung derart massiver Widerstand gegen einen US-Krieg im Irak, daß ein europäischer Diplomat zu dem Schluss kommt: "Ich kann mir bei dieser innenpolitischen Sprengkraft eine Ja-Stimme Pakistans nicht mehr vorstellen."
Nach der Ankündigung Russlands, ein Veto gegen eine Kriegs-Resolution einzulegen, dürfte es für die Amerikaner noch schwerer werden, die unentschiedenen Staaten hinter sich zu bringen. Denn die so genannten Wackelkandidaten werden sich fragen, was die Unterstützung einer Resolution noch bringen soll, wenn sie am Ende ohnehin durch ein Veto gekippt wird.
Von Peter Burghardt, Gerd Kröncke und Arne Perras