SÜDAFRIKA

Robben Island


1488
Bartolomeu Dias (portugisiescher Seefahrer) landet in der Algoabai - Entdeckung Robben Islands.

1591
Nutzung der Insel als Flüchtlingslager afrikanischer Stämme, hauptsächlich Khoikhoi.

1652
Mit Jan van Riebeeck beginnt die dänische Herrschaft und Unterdrückung der Khoikhoi.

1658
Robben Island wird zur Gefängnisinsel.

1964
Nelson Mandela wird wegen seines Kampfes gegen das Apartheidregimes zu lebenslanger Haft auf Robben Island verurteilt.

11. Februar 1990
Präsident de Klerk lässt alle politischen Gefangenen frei.

1991
Einrichtung eines Nationalparks (Vogelbrutstätten).

19. Mai 1994
Nelson Mandela wird als Präsident Südafrikas vereidigt.

Kulturdenkmal: Robben Island, Gefängnisinsel
Unesco-Ernennung: 1999

"Dies ist die Insel. Hier werdet ihr sterben!" Mit diesen Worten wurde Nelson Mandela 1963 auf Robben Island empfangen. Aber Nelson Mandelas Widerstandkraft wurde auch von 27 Haftjahren nicht gebrochen. Und mit ihm waren fast alle führenden schwarzen Oppositionellen auf Robben Island interniert.

Robben Island bedeutete schwarz und weiß. Ohne Grauzone. Schwarz, das waren die Häftlinge. Weiß, das waren die Wärter. Den ganzen Tag arbeiteten die politischen Gefangenen in den Steinbrüchen der kargen Insel. Geduldig eroberten sie Freiräume, sie bekamen lange Hosen, Betten statt Strohmatten, sie begannen zu studieren. Aber täglich blieben sie mit der Willkür konfrontiert, die Erleichterungen wieder zu verlieren.

Robben Island diente von 1961 bis 1996 als Gefängnis. Heute ist die ehemalige Gefangeneninsel eine Touristenattraktion, die stündlich vom knapp 12 km entfernten Kapstadt aus angefahren wird. Und sie ist ein Symbol für das Apartheitsregime Südafrikas und dafür, daß der Widerstand der schwarzen Bevölkerung nicht länger zu unterdrücken war.

Robben Island war ohne Frage der härteste und schärfste Vorposten des südafrikanischen Gefängnissystems. Die Wärter waren Weiße, die überwiegend Afrikaans sprachen und sie forderten ein Herr-Knecht-Verhältnis. Die Rassentrennung auf Robben Island war absolut: Es gab keinen schwarzen Wärter und keine weißen Gefangenen.

Das Gefängnis beraubt den Menschen nicht nur der Freiheit, es versucht ihm auch, seine Identität zu nehmen. Jeder trägt die gleiche Kleidung, isst das gleiche Essen, hält sich an den gleichen Tagesablauf. Ein Gefängnis ist per definitionem ein rein autoritärer Staat, der keinerlei Unabhängigkeit oder Individualität toleriert.

Gefängnisleben hat mit Routine zu tun. Jeder Tag ist wie der Tag zuvor, jede Woche ist wie die vorherige. so daß Monate und Jahre ineinander übergleiten. Was auch immer von diesem Muster abweicht, beunruhigt die Behörden, denn Routine ist das Zeichen für ein gutgeführtes Gefängnis.

Routine ist auch für den Gefangenen tröstlich und kann eben deshalb zur Falle werden. Routine ist wie eine bequeme Geliebte, der zu widerstehen schwerfällt, denn Routine lässt die Zeit schneller vergehen. Uhren jeglicher Art waren auf Robben Island verboten. Mit das erste, was ich tat, war das Anlegen eines Kalenders an der Wand meiner Zelle. Der Verlust des Zeitgefühls ist eine bequeme Methode, die Kontrolle über sich selbst und sogar über seine geistige Gesundheit zu verlieren.

Meine Zelle ging auf den Hof hinaus und hatte in Augenhöhe ein kleines Fenster. Mit drei Schritten konnte ich meine Zelle der Länge nach durchmessen. Wenn ich mich hinlegte, konnte ich mit den Füssen die Mauer fühlen, und mein Kopf streifte die Betonwand auf der anderen Seite. Die Breite betrug etwas mehr als anderthalb Meter, und die Mauern waren sicher über einen halben Meter dick.

Jede Zelle war draußen mit einer weißem Karte markiert, auf der unser Name und die jeweilige Häftlingsnummer stand. Auf meiner war zu lesen: N Mandela 466/64. Das bedeutet, daß ich als 466. Gefangener im Jahr 1964 nach Robben Island gekommen war. Ich war 46 Jahre alt, ein zu lebenslanger Haft verurteilter politischer Gefangener und dieser kleine, enge Raum sollte mein Heim sein, für wie lange wusste ich nicht.

Unser Leben hing davon ab, daß wir verstanden, was die Behörden mit uns versuchten, und dieses Verstehen einander mitzuteilen. Für einen einzelnen Mann wäre es sehr schwer, wenn nicht unmöglich gewesen, zu widerstehen. Ich weiß nicht, ob ich es hätte schaffen können, wäre ich allein gewesen. Doch der größte Fehler der Behörden bestand darin, uns zusammenzuhalten, denn das Zusammensein verstärkte unsere Entschlusskraft. Wir unterstützen einander und gewannen Kraft voneinander. Was immer wir lernten, was immer wir erfuhren, wir teilten es miteinander, und indem wir es miteinander teilten, vervielfachten wir, was immer wir an individuellem Mut besaßen.

In der Regel lehnten wir es ab, uns im Gefängnis fotografieren zu lassen. Allerdings gab es ein Foto, dem ich zustimmte. Ich sprach mit dem Reporter und er sagt er hätte gerne, wenn der Fotograf ein Bild von mir machen könnte. Ich zögerte, gab aber in diesem Fall nach, weil ich wusste, das Foto würde nur in Übersee veröffentlicht und unserer Sache vielleicht helfen, sofern der Artikel wenigstens ein klein wenig freundlich ausfiel. Ich erklärte, ich wäre einverstanden, wenn auch Mister Sisulu mit mir aufs Foto käme.

Jeden Morgen um 5 Uhr 30 weckte uns der Nachtwärter, der am Ende unseres Korridors eine Messingglocke ertönen ließ und rief: Wacht auf! Steht auf!
Man ließ uns erst um 6 Uhr 45 aus unseren Zellen, bis dahin sollten wir unsere Zellen säubern und die Matten und Decken zusammenlegen. Nach einigen Monaten wurde uns das Frühstück in einem alten metallenen Ölbehälter in den Hof geliefert. Mitten beim Frühstück pflegten die Wärter zu brüllen: Antreten! Antreten! Und wir standen dann bereit zur Inspektion vor unserer Zellen. Nach der Inspektion klopften wir Steine bis Mittag. Nach dem Mittagessen arbeiteten wir bis 4 Uhr. Dann ließen die Wachen ihre Pfeifen schrill ertönen, und wir mussten wieder antreten. Eine halbe Stunde gab man uns Zeit, um uns zu säubern. In jenen frühen Jahren war das Waschen eine der wenigen Gelegenheiten miteinander zu sprechen. Um genau 4 Uhr 30 klopfte es laut an die Holztür am Ende unseres Korridors, was bedeutetet, daß das Abendessen eingetroffen war.

Um 20 Uhr schloß sich der Nachtwächter mit uns in den Korridor ein. Der Ruf "Licht aus!" war auf Robben Island nie zu hören, da in unserer Zelle Tag und Nacht eine einzelne, von Draht umgeben Glühbirne brannte.

Der Kalksteinbruch sah aus wie ein ungeheuer weißer Krater, der in einen Felshang geschnitten war. Die Wände und der Grund des Hanges waren blendend weiß. Schlimmer als die Hitze im Steinbruch war das Licht. Unsere Rücken waren gegen die Sonne durch Hemden geschützt, doch die Sonnestrahlen wurden vom Kalk in unsere Augen reflektiert. Das Licht war so grell, daß unsere Augen schmerzten, und machte zusammen mit dem Staub das Sehen schwer. Die Augen tränten, unsere Gesichter bekamen wegen der ständig zusammengekniffenen Augen einen starren Ausdruck. Jeden Tag dauerte es nach der Arbeit lange, bis sich unsere Augen wieder an das dunklere Licht gewöhnt hatten. Während der folgenden Wochen und Monate beantragten wir immer wieder Sonnenbrillen. Doch wir brauchten fast drei Jahre, bevor man sie uns genehmigte. Selbst dann mußten wir die Brille selbst kaufen.

Als Gefangener durfte ich alle 6 Monate nur einen Besucher empfangen, nur einen Brief schreiben und nur einen bekommen. Im Gefängnis ist das einzige, was noch schlimmer ist als eine schlechte Nachricht über die eigene Familie, überhaupt keine Nachricht. Das Besuchszimmer für Nichtkontaktbesuche war eng und fensterlos. Auf der Seite der Gefangenen gab es eine Reihe von fünf zellenartigen Gebilden mit kleinen quadratischen Glasfenstern. Man saß auf einem Stuhl und sah durch das verdreckte Glas, durch das kleine Löcher gebohrt worden waren, damit ein Gespräch überhaupt möglich war. Später installierten die Behörden Mikrophone und Lautsprecher.

Wir betrachteten den Kampf im Gefängnis als einen Mikrokosmos des Kampfes insgesamt. Wir würden drinnen genauso kämpfen wie wir draußen gekämpft haben. Niemals zweifelte ich ernsthaft daran, daß ich nicht doch eines Tages aus dem Gefängnis kommen würde. Ich glaubte nie daran, daß eine lebenslängliche Gefängnisstrafe tatsächlich lebenslänglich bedeuten und ich hinter Gittern sterben würde. Vielleicht verdrängte ich diesem Gedanken, weil es eine zu unangenehme Vorstellung war. Aber ich wusste immer, daß ich eines Tages wieder Gras unter meinen Füßen fühlen und als freier Mann im Sonnenschein spazierengehen würde.
Film von Frank Hertweck
Der Filmtext besteht ausschließlich aus Zitaten aus dem Buch:
Nelson Mandela, Der lange Weg zur Freiheit, Frankfurt/Main, S. Fischer Verlag, 1997.



Naturdenkmäler und Kulturdenkmäler