Neue Zürcher Zeitung
04.04.2002
Im fahlen Schein der Gaslampe schälen sich die Umrisse des Blockhauses aus der Finsternis heraus. An der Türschwelle bietet sich ein Anblick, der selbst abgebrühte Kenner der afrikanischen Wildnis zusammenzucken lässt. Einer ausgestreckten Python gleich, hat die Vorhut einer riesigen "Waldarmee" bereits das Blockhaus erreicht. Von unersättlichem Appetit getrieben, rücken schwarz schimmernde Treiberameisen auf das Forschungscamp der Würzburger Universität am Südrand des Como‘-Nationalparks vor. Weder Baum noch Felsbrocken können den Vormarsch der kleinen Krieger aus dem wuchernden Pflanzendickicht heraus aufhalten. Taucht ein Hindernis auf, dann fächert sich die Spitze in Einzeltrupps auf, umgeht es oder gräbt Tunnels, um sich später wieder zu vereinen und den Raubzug fortzusetzen. Kein Insekt vermag der schwarzen Flut zu trotzen. Wer sich nicht in Sicherheit bringt, wird von den messerscharfen Kiefern der Treiberameisen, um die selbst der Mensch besser einen Bogen schlägt, in Stücke gerissen.
Die Stunde der Räuber
Wenn bei Dämmerung die pagodenartigen Termitenhügel nahe dem Camp in warmen Rottönen leuchten, verlassen Flusspferde ihren begehrten Aufenthaltsort. Erstaunlich flink streben die bis zu drei Tonnen schweren Kolosse über das steinige Ufer zum Galeriewald. In den Baumkronen der völlig unversehrten Wälder, die mit monotonen, nur selten von einer einsamen Schirmakazie bestandenen Savannenflächen abwechseln, verharren Afrikanische Wollkopfstörche. Mit einsetzender Dunkelheit schlägt in ganz Afrika die Stunde der Räuber. Löwen und Leoparden pirschen sich dann durch das Elefantengras an Gazellen und Antilopen heran. Auch die Afrikanischen Büffel verlassen das dichte Unterholz, das ihnen vor der Hitze der Trockenzeit Schutz bietet, um sich in Verbänden ihren vertrauten Wasserlöchern zu nähern.
Sieht man einmal von den dumpfen Grunzlauten der Flusspferde ab, empfängt der Parc National de la Como‘ im Norden des Landes seine Besucher hingegen mit einer merkwürdigen, unheimlichen Stille. Während in den Savannen Ostafrikas bei Dämmerung Affen schreien, Löwen brüllen, Elefanten trompeten und Hyänen ihr gellendes Lachen ertönen lassen, wirkt dieser Park wie ausgestorben. Westafrikas wilde Tiere bleiben auf den 11.500 Quadratkilometern Fläche des Como‘-Nationalparks lieber unsichtbar und stumm. Und das nicht ohne Grund. Kein Park in Cóte d'Ivoire wurde seit Mitte der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts schonungsloser von Wilderern heimgesucht als die Savannenlandschaft mit ihren Inselwäldern, Überflutungsebenen und Galeriewäldern. Obwohl das frühere Jagdrevier 1968 zu einem geschützten Nationalpark und dann zum Biosphärenreservat erklärt wurde, hat der Tierbestand kontinuierlich abgenommen.
Illegale Jagd
Auch der Rückgang der Grosssäuger, die in Savannengebieten dank ihrer Vielzahl unterschiedlicher Lebensräume normalerweise in besonders grosser Zahl vorkommen, geht auf das Konto einer zügellosen Wilderei. Besass der Como‘-Park mit 1500 Tieren 1978 noch Westafrikas grösste Elefantenherden, war ihr Bestand zwölf Jahre später auf die Hälfte geschrumpft. Heute dürften es kaum noch 200 sein. Bisherige Erhebungen zum Tierbestand lassen befürchten, daß die Tage des Como‘ gezählt sind. Auch der Löwe gehört möglicherweise bereits auf die Liste der ausgerotteten Como‘ Wildtiere. Um die illegale Jagd zu erschweren, hatten die Behörden in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts die Angehörigen der Koulango-Ethnie zum Umzug in neue Dörfer ausserhalb der Parkgrenze gezwungen. Natur und Tierwelt hat diese Zwangsmassnahme kaum die nötige Ruhepause verschafft. Denn Koulango-Bauern müssen ihre Familien ernähren und bestellen weiterhin in jenen Teilen des geschützten Gebiets, in dem sie fruchtbaren Boden vorfinden, Hirse und Jamswurzeln.
Parkwächterpatrouillen gibt es schon seit Jahren nicht mehr, die Dienstgeländewagen sind so altersschwach, daß keine längeren Strecken zurückgelegt werden können. Davon einmal abgesehen kämen die Fahrzeuge gar nicht mehr voran. Von den laut Parkprospekt 500 Kilometern befahrbarer Pisten, auf denen früher Besucher im Geländefahrzeug zu den Beobachtungsposten gelangten, blieben nur Reste. Wie eigenartige Relikte aus besseren Tagen erheben sich im Süden von der Weltbank finanzierte und oft noch vorzüglich erhaltene Betonbrücken. Sie sind heute nutzlos, da die Zufahrtswege weggeschwemmt wurden.
Paradies für Ornithologen
Als weiträumige Naturlandschaft, die im Gegensatz zu den übrigen Savannenflächen in Westafrika nicht durch den Menschen beeinträchtigt oder gar ganz beseitigt wurde, war der Parc National de la Como‘ noch vor zwei Jahrzehnten besser geschützt. Im Übergangsbereich zwischen den Feuchtwaldgebieten und den Sudansavannen gelegen, besass der Park eine aussergewöhnliche Fülle von Tierarten, die während der Trockenzeit Besucher aus dem Süden von Cóte d'Ivoire anzogen. Damals zählte man elf Affenarten, darunter Schimpansen, drei Krokodilarten und vier der insgesamt sechs westafrikanischen Storcharten, die mit den übrigen Vogelarten, darunter Reiher, Hammerköpfe und fünf der sechs westafrikanischen Geierarten, den Ruf des Como‘ als Paradies für Ornithologen gestärkt haben. Der Bau eines grösseren Hotels in der Nähe eines Dorfes im Süden versprach in jener Zeit gute Verdienstmöglichkeiten. Mit Schwimmbad, Bar und Restaurant ausgestattet, bot das Calao-Safari-Hotel 25 Familien Platz. Der Luxus hatte seinen Preis, für eine kleine Flasche Coca-Cola waren umgerechnet 12 Franken fällig.
Symbol für den Abschwung
Wer heute nach der Überfahrt mit einer Autofähre wenige Meter nach dem Flussufer den Park betritt, stösst auf verwitterte Betongebäude, die seit der Schliessung 1991 allmählich von der Vegetation überwuchert werden. Vom Tourismus gemieden, steht die Savannenlandschaft als tristes Symbol für den Abschwung von Cóte d'Ivoire, das einst als Musterbeispiel für den afrikanischen Kapitalismus gelobt wurde. Da in den letzten Jahren die Ausgaben für den Park fortwährend gekürzt wurden, hat sich die Europäische Union bereit erklärt, dem World Wide Fund for Nature (WWF) Geld für die Rettung des Parks zur Verfügung zu stellen. Damit soll die Verwaltung modernes Gerät und die Parkwächter eine bessere Ausbildung erhalten.
Nicht nur der Como‘ Park, auch die Nimba Berge im Norden des Landes stehen auf der Liste der schützenswerten Unesco Weltnaturgüter. An der Grenze zu Liberia und Guinea-Conakry gelegen, steht diese Gebirgslandschaft allerdings inzwischen auf der roten Liste der gefährdeten Naturgüter. Gewöhnlich verhüllen morgens dichte Wolkenbänder Westafrikas höchsten Bergzug. Wenn die Schleier über dem immergrünen Dach des tropischen Regenwaldes gegen Mittag zerfliessen, fällt der Blick auf den bläulich schimmernden Gipfel des über 1700 Meter hohen Mont Richard Molard, wie die höchste Erhebung der Nimba Berge heisst.
Schon immer hat diese üppig bewachsene Insel inmitten der ausgedehnten Savannenlandschaft des Westens Biologen und Botaniker magisch angezogen. Zu den über 200 Flora- und Faunaarten, die nur in den Nimba Bergen vorkommen, zählt ein winziger, braun gefleckter Froschlurch, dessen Entdeckung 1942 in wissenschaftlichen Kreisen grosse Überraschung auslöste. Nur knapp über zwei Zentimeter lang, bringt Nectophrynoides occidentalis voll entwickelte Junge zur Welt. Die Westliche Lebendgebärende Kröte, eine der wenigen bislang bekannten Krötenarten in diesem Teil Afrikas, kommt nur auf den über 1200 Meter hohen Bergwiesen vor. Wie lange sich das Reptil dort noch halten kann, ist ungewiss. Der "Eisenerzberg", wie die Einheimischen den Höhenzug nennen, birgt angeblich gewaltige Bodenschätze. Daß der zu Cóte d'Ivoire gehörende Anteil an diesem Höhenzug weitgehend unberührt blieb, ist nicht zuletzt fehlenden Strassen zu verdanken. Von der Stadt Danané aus führt eine holprige und während der Regenzeit nicht befahrbare Piste bis zum Dorf Yalé, dessen Einwohner Reis, Kaffee und Kakao anbauen.
Stark differenzierte Fauna
In der Nähe verläuft die Grenze zum "strengen Naturschutzgebiet", das wenigstens offiziell, nur Forschern offen steht. Es wird von den Dorfbewohnern aus einleuchtenden Gründen gemieden. Schon nach kurzer Zeit verliert sich der einzige Trampelpfad im zähen Schlamm des Gebiets, dessen seichte Flussläufe von Bambuswäldern gesäumt werden. Der gewaltige botanische Reichtum der Nimba Berge geht auf die Höhenzonierung und die damit zusammenhängende Vielfalt der Pflanzengesellschaften zurück. Zwischen Waldflächen erstrecken sich immer wieder grasbewachsene Abschnitte, die man bis in eine Höhe von 1600 Metern vorfindet. Das begründet die stark differenzierte Fauna mit 200 endemischen, also lediglich dort vorkommenden Arten. Die schwer zugänglichen Gebiete bilden für 55 Säugetierarten, darunter Leoparden und mehrere Ginster- und Zibetkatzenarten, ein ideales Refugium. Viel häufiger als in anderen Naturschutzgebieten Westafrikas stösst man auf Buschböcke, Maxwell-Waldducker und Afrikanische Büffel. In den Flussläufen tummeln sich Zwergflusspferde und der possierliche Fingerotter. Gleichfalls nur im Nimba-Gebiet lebt die Zwergotterspitzmaus. Als frucht- und kleintierfressende Baumbewohner halten sich in den Wäldern die behäbigen Pottos, eine zur Familie der Loris zählende Halbaffenart. Neben Weissen und Roten Stummelaffen leben im Schutzgebiet Schimpansen in ungewöhnlich grosser Zahl. Etwas Glück und Geduld vorausgesetzt, kann man sie beobachten, wie sie Steine und Stöcke als Werkzeuge benützen.
Den Aufstieg auf die höchste Erhebung kann man in etwa sechs Stunden bewältigen. Dabei führt der Weg durch den Tropenwaldgürtel mit lianen- und epiphytenbewachsenen Riesenbäumen. Mit zunehmender Höhe weicht üppiger Regenwald einer kargeren Vegetation mit steilen Hängen, hohen Felsklippen und massiven Granitblöcken. Im weniger niederschlagsreichen Norden der Nimba-Berge liegen auf guineanischem Territorium Reste von Trockenwäldern. Die früher ausgedehnten Waldflächen litten in den vergangenen Jahrzehnten unter Brandrodung, mit der Bauern Ackerflächen gewinnen. Der guineanische Restbestand wurde als Biosphärenreservat mit dem Anteil von Cóte d'Ivoire auf 3500 Quadratkilometern zum grenzübergreifenden Weltnaturerbe ernannt. Inzwischen schickt sich Guinea allerdings an, die auf 300 Millionen Tonnen geschätzten Vorräte im Eisenerzberg abzubauen. Die Behörden planen eine jährliche Fördermenge von 12 Millionen Tonnen. Welches Schicksal dem Naturparadies dann drohen könnte, lässt sich jenseits der Grenze in Liberia bereits erahnen. Transportwege, Senkschächte und Abbaugruben durchziehen dort das abgeholzte Gelände, dessen Flüsse mit Schwermetall verseucht wurden. Zu allem Übel auch noch von Wilderern heimgesucht, wirkt der liberianische Teil der Nimba Berge stellenweise wie eine Mondlandschaft.
Von Thomas Veser
Frankfurter Allgemeine Zeitung
29.10.2002
Die Fahrt beginnt mit einem handfesten Streit. Nein, er könne den Laissez-passer nicht akzeptieren, weil er nicht vom Rebellenchef unterschrieben sei, sagt der Posten an der nördlichen Straßensperre von Bouaké. Daß er das Papier falsch herum hält und damit offenbart, daß er weder lesen noch schreiben kann, macht die Verhandlungen nicht einfacher. Der Wortwechsel zieht die Neugier der anderen Rebellen an. Plötzlich ist das Auto von zwanzig Bewaffneten umringt. Alle haben eine eigene Meinung über Durchfahrtsgenehmigungen und ihre Erteilung und tun sie auch lautstark kund. Eine Packung Zigaretten entschärft die Situation. Die Straßensperre aus umgekippten Tischen, alten Autoreifen und Fahrzeugwracks öffnet sich und gibt den Weg frei in Richtung Norden.
Es ist wie eine Reise durch die Vergangenheit, die doch erst fünf Wochen her ist. Die Lastwagen-Rastplätze auf der wichtigsten Verbindungsstraße in Richtung Burkina Faso und Mali sind verwaist. Wo sich sonst dubiose Wunderheiler mit Prostituierten um die Gunst der Fahrer stritten, wo das "Flag"-Bier bis spät in die Nacht floß und der Weiße an einem Abend mehr über Afrika lernen konnte als in einem Dutzend Seminaren, ist kein Mensch mehr zu sehen. Wo sich Mali und Cote d'Ivoire, Nigeria und Senegal begegneten und sich mit dem üblichen "Ca va, mon frère?" begrüßten, wo saftige Fleischspieße über Holzkohlefeuer bruzzelten und es so fröhlich und lautstark zuging, daß Brüllen nicht als unhöflich, sondern als normale Art der Gesprächsaufnahme galt, herrscht gespenstische Stille. Der "Maquis de la Paix", wie die kleine Kneipe mit dem großen Parkplatz wenige Kilometer hinter Bouaké heißt, ist aufgegeben. Eine Ziege knabbert am Wachstuch eines der Biertische, in dem schlammigen Schlaglöchern der Überlandstraße suhlt sich ein Schwein. Die beiden sind die einzigen Lebewesen weit und breit.
Das Gebäude der Gendarmerie von Katiola ist geplündert, die Fensterläden klappern im Wind. Zwei Busse stehen auf dem ansonsten leergefegten Marktplatz, und um die beiden Fahrzeuge drängen sich viermal so viele Menschen, wie die Busse fassen können. Sie fahren nach Bouaké, für die Reise nach Korhogo haben sie nicht genügend Diesel. "Hauptsache weg hier", sagt ein junger Mann, der darauf spekuliert, von Bouaké aus nach Yamoussoukro zu gelangen, in den von der Regierung kontrollierten Teil der Elfenbeinküste.
Die Rebellenfraktion von Katiola hat neuerdings Straßensperren errichtet, die üblichen Verkehrsschikanen aus Tischen, Stühlen und Reifen. Der erste Posten ist ein junger Kerl, der sich ganz offensichtlich über die Abwechslung eines fremden Autos freut. In der Hand hält er das Imitat einer Duellpistole aus dem 19. Jahrhundert, der Lauf ist gerissen. Zwei Kilometer weiter der nächste Posten, wieder junge Männer, doch diesmal mit Schnellfeuergewehren, deren Magazine allerdings leer sind. Trauen die Rebellen ihren jungen Rekruten nicht?
Der ältere Soldat, der sich bei dem üblichen Palaver über das Woher und Wohin im Hintergrund gehalten hatte, lächelt vielsagend. "Wo willst du hin?" Nach Korhogo. "Willkommen im befreiten Teil der Elfenbeinküste."
Die permanente Straßensperre von Niakara war früher einer der lukrativsten Posten, den ein Polizist ergattern konnte. Der gesamte Transit nach Mali, Burkina Faso und Niger mußte durch diese Sperre, und die Herren Ordnungshüter hielten die Hand auf - Tag und Nacht. Die Gendarmen von Niakara waren diejenigen mit den dicksten Autos in der Elfenbeinküste. Die Sperre ist verschwunden, und im Schatten des Kontrollbude sitzt einsam eine Frau. Was sie da mache? "Ich warte." Worauf? "Auf den Bus nach Burkina." Es fährt kein Bus mehr nach Burkina Faso. "Doch, irgendwann fährt er", sagt sie, dreht das Gesicht in die Sonne, und erst da fallen die von Malaria getrübten Augen auf, die eingefallenen Wangen und die spindeldürren Oberarme. "Es geht uns nicht sehr gut zur Zeit", sagt sie. Die Frage nach ihrer letzten Mahlzeit verwirrt die Frau. Sie weiß, es war vor zwei Tagen, doch sie erinnert sich nicht mehr, was sie gegessen hat.
Am Ortseingang von Korhogo, der "Kapitale des Nordens", hockt Abou, früher Automechaniker, neuerdings Rebell mit Sinn für lukrative Geschäfte. Treibstoff? "Besorge ich dir", sagt Abou und führt den Besucher in einen Innenhof, wo der "Chef de poste" gerade seinen Rausch ausschläft und ein vermeintlicher Dieb, den Rücken übersät mit den blutigen Striemen von Gürtelhieben, in der prallen Sonne wie ein Hund an einen Baum gekettet liegt. Der "Chef" angelt nach einem Quittungsblock, notiert "20 Liter", hustet wie verrückt und spuckt dem Angeketteten anschließend seinen Raucherschleim an den Kopf. "Wir mögen westliche Journalisten", sagt er grinsend.
Vor der ehemaligen Militärkaserne von Korhogo, in der jetzt die Aufständischen Quartier bezogen haben, drängen sich Freiwillige. Das Gerücht geht um, die Rebellen zahlten 10.000 Franc CFA (15 Euro) pro Tag. Die ersten, die sich der Armee der Aufständischen angeschlossen hatten, waren die Taxifahrer der Stadt. Nicht aus Überzeugung, sondern aus Mangel an Arbeit. In Korhogo verkehrt kein einziges Auto mehr, und der Preis für das Zweitaktgemisch der Mopeds ist von 650 Franc CFA auf 1500 Franc CFA gestiegen, weil der Treibstoff und das Öl aus Mali über die Grenze geschmuggelt werden. Das gesamte wirtschaftliche Leben im Norden ist zum Stillstand gekommen, die Menschen leben von ihren Reserven. Vor der Kaserne schwören die Gaffer, die Rebellen zu unterstützen, doch eine Ecke weiter spricht eine ältere Frau den Weißen an, drückt ihm einen Zettel mit ihrer Telefonnummer in die Hand und beschwört ihn, sie ab und zu anzurufen. "Das gibt mir die Gewißheit, nicht völlig vergessen zu sein."
Von den zahlreichen Hotels der Stadt hat nur noch "Le Printemps" geöffnet, ein geschmackvoller Neubau mit mehr als hundert Zimmern, gebaut in der Hoffnung auf den sich abzeichnenden wirtschaftlichen Aufschwung der Elfenbeinküste. Das Personal mußte entlassen werden, und das deprimierende Gefühl, der einzige Hotelgast der ganzen Stadt zu sein, geht so weit, daß der Besucher beim kargen Abendessen beinahe kameradschaftliche Gefühle für die dicke Ratte entwickelt, die sich unmittelbar vor dem Tisch auf die Hinterbeine gesetzt hat und jedes Anheben der Gabel mit Interesse verfolgt.
In Ferkessédougou beginnt die Baumwollblüte. Zwischen den immergrünen Mangobäumen und den vereinzelten Reisfeldern sind die ersten weißen Tupfer zu sehen. Noch zwei Wochen, dann muß das "weiße Gold" geerntet werden, sonst verfault es auf den Stengeln. Die beiden großen Baumwollbetriebe an der Straße von Korhogo nach "Ferké" liegen verlassen da, schwere Ketten sichern die Eingangstore. Dahinter sind an die fünfzig Lastwagen zu sehen, für die es nichts zu transportieren gibt. Der wirtschaftlich unterentwickelte Norden sollte zu einem Baumwollzentrum ausgebaut werden, in dem die Produktion aus Mali und der Elfenbeinküste gesammelt, gewaschen und verpackt wird. Mehrwert in Form von Arbeitsplätzen, Ansiedlung von Zulieferbetrieben, Aufschwung für die ganze Region. Doch das sind Träume von gestern.
Das Spiel an den Straßensperren der Rebellen in Ferké unterscheidet sich nicht von dem weiter südlich. "Bonjour, le blanc, hast du Zigaretten?" Höflich sind sie ja, aber wie lange noch? Es sind halbe Kinder, instrumentalisiert von Personen, die sich nicht zu erkennen geben und die auf dem besten Wege sind, mit ihren verrosteten Kalaschnikows ein halbwegs entwickeltes afrikanisches Land zurück in die Steinzeit zu schießen.
"Kommandant Jordan" sieht dem amerikanischen Basketballspieler gleichen Namens wirklich verblüffend ähnlich. Mehr als zwei Meter groß, das Kreuz eines Möbelpackers und im Ohr der goldene Ohrring. Jordan ist der Chef der Rebellen von Ouangolo, einem kleinen Ort im Dreiländereck von Elfenbeinküste, Mali und Burkina Faso. Jordan kramt die wild im Büro verstreuten Sturmgewehre beiseite und hievt eine Kiste Granaten vom Stuhl, damit der Besucher sich setzen kann. "Du bist die erste Weißnase, die sich nach Ouangolo traut", dröhnt er gut gelaunt. Und, steht irgend etwas zu befürchten? "Unsinn", sagt Jordan.
Ouangolo ist das Trainingszentrum der Rebellen der Elfenbeinküste, auch wenn Jordan das nicht zugeben will. In Korhogo wird rekrutiert, in Ouangolo trainiert. Jordan macht kein Hehl aus seiner ablehnenden Haltung dem Waffenstillstand gegenüber. "Wir müssen diese Sache zu Ende bringen", sagt er, "Präsident Gbagbo muß abdanken." Und dann? "Laß dich überraschen." Die besten Geschäfte in Ouangolo machen derzeit die Mopedfahrer. Eine Schmuggelfahrt nach Mali auf dem Rücksitz eines Mofas kostet 40.000 Franc CFA (rund 60 Euro), ein kleines Vermögen. Bei den üblichen Großfamilien, die sich nicht selten aus 20 Personen zusammensetzen, ist die Flucht einer ganzen Familie ein finanziell nicht zu bewältigendes Problem. "Wir bleiben hier und hoffen, daß dieser Spuk bald vorbei ist", sagt Ibrahim. Als Fahrer einer Bäckerei ist er einer der wenigen in Ouangolo, die noch Arbeit haben. Es habe Plünderungen nach dem Abzug der Gendarmerie gegeben, erzählt er, "aber die Gegenstände wurden zurückgegeben, nachdem die Rebellen damit gedroht hatten, Haussuchungen vorzunehmen". Also eine geradezu vorbildliche Rebellion? "Ich weiß nicht, was eine vorbildliche Rebellion ist. Ich weiß nur, daß sie uns in Ruhe lassen", sagt Ibrahim.
Dreißig Kilometer von Ouangolo entfernt liegt die Grenze zu Burkina Faso. Wo sich sonst Fahrzeuge kilometerweit stauen, stehen in Laleraba ein einsamer Minibus mit Staatsbürgern aus Mali und Niger und ein Lastwagen mit einer Ladung Kola-Nüssen. Madeleine Rekkia hält eines ihrer fünf Kinder an der Hand. Die vier anderen sind bei Verwandten in Korhogo zurückgeblieben. Ihr Mann ist seit über einem Monat in Abidjan, telefonischen Kontakt zu ihm hat sie nicht, das Geld ist ausgegangen, und nun will die Nigerin zu ihren Eltern nach N'Djamena. Nach 14 Jahren in der Elfenbeinküste ist dies eine traurige Heimreise.
Der rundliche Anführer der Rebellen an der Grenze läßt die Ausländer über die Grenzbrücke nach Burkina Faso ziehen. Ivorer hingegen werden zurückgeschickt. "Wenn dieses Land brennen muß, dann sollen alle dabeisein", sagt er.
Von Thomas Scheen